Zukunft: Schreiben

Wir schreiben das Jahr 2050. Die Erde ist müde geworden.
Längst ist den Menschen ihre Welt vollends aus den Händen geglitten. Es fing damit an, dass ein falscher blonder Provokateur zum mächtigsten Mann der Welt gewählt wurde. Politiker in Europa und Ozeanien sind seinem Beispiel gefolgt: Die Lügen über den Klimawandel wurden aufgedeckt, der Schwachsinnsplan erneuerbare Energien verworfen, das gute alte Erdöl und die gute alte Braunkohle wieder zum Antrieb der Fortschrittsgesellschaft erkoren.

Nach wenigen Jahren waren die fossilen Ressourcen aufgebraucht. In Deutschland haben schließlich verzweifelte Fracking-Versuche große Teile vom Norden des Landes unbewohnbar gemacht. Großstädte sind kollabiert, die Versorgung mit Elektrizität und sauberem Trinkwasser ist zusammengebrochen. Die Menschen haben aufgegeben, ihre bombastisch gewachsenen Megacities fluchtartig verlassen und sich auf die Höfe ihrer Ahnen zurückgezogen. Deutschland und Europa haben sich in Morgenthaus Nachkriegsvision verwandelt.
Schließlich ist eingetroffen, was niemand erwarten konnte: Ein fetter Diktator mit erstaunlich rundem Baby-Gesicht hat die westliche Welt mit einem fulminanten Erstschlag angegriffen. In den USA waren die Staaten Washington und New York von einem Tag auf den anderen gänzlich unbewohnbar, in Europa hat es London, Brüssel und Paris getroffen. Das radioaktive Gift breitete sich weiter aus, Millionen waren auf der Flucht, die Regierungen der Länder vollkommen überfordert. Zahlreiche Soldaten mit exakt gleichem Haarschnitt sind aus dem fernen Osten nach Europa marschiert, haben Länder besetzt und Systeme gestürzt.

Dass ein verrückter, übergewichtiger Mann aus einem winzigen Land heraus einfach los stapfen und den Rest der Welt unterwerfen kann, damit hatte niemand gerechnet. Von den Anschlägern der zehner Jahre, ja, von denen hätte man es gedacht. Aber die waren von russischen Flugzeugen bombardiert und der wachsenden Sahara eingeweht worden.
Es sind graue Zeiten. Die Franzosen wünschen sich ihren Sonnenkönig zurück, die Deutschen ihre Pickelhauben. Man vertraut weder seinem Nachbarn, noch seiner Familie, noch sich selbst. Alle müssen hart auf den Feldern schuften, um nicht vollständig zu verhungern. Trinkwasser ist knapp, Meerwasser zu viel da: Die Polkappen sind geschmolzen, die Niederlande überflutet. Neuseeland musste – fünf Jahre nachdem die Regierung die ersten Klimaflüchtlinge abgewiesen hatte – schließlich doch die Bewohner der umliegenden Südseeinseln aufnehmen, da deren Heimaten unter türkisklarem Wasser verschwunden waren.
Die westlichen Anhänger der linearen Geschichtsphilosophie, die euphorischen Begrüßer des Fortschritts wurden enttäuscht: Geschichte verläuft zyklisch. Alle Fehler wiederholen sich. Gebäude, die errichtet wurden, stürzen irgendwann wieder ein. Nur geht es bei manchen schneller, bei anderen dauert es.

Bei einer Ansammlung von Gebäuden an der Innerste – zwischen den norddeutschen Tiefen Hannovers und den Bergen des Harz – dauert es bereits eine Weile und es sieht nicht so aus, als würden sie in naher Zukunft in sich zusammenfallen. Die alten Gemäuer werden gut gepflegt, Bewohner der umliegenden Dörfer und der nahen Kleinstadt kümmern sich um die Instandhaltung. Ehemals als Trutzburg gegen die aufbegehrenden Bürger errichtet, beherbergte die Domäne zwischenzeitlich einen Gemüsebaubetrieb und eine Eisfabrik und schließlich einen Teil der kleinstädtischen Universität.
Hier studieren junge Menschen, die Literatur schreiben. Romane, phantasievolle Geschichten, kurze Texte, kleine Formen; das alles wird hier gelehrt und produziert. Dass der Betrieb noch nicht von der Diktatur untersagt wurde, liegt nur daran, dass es beinahe zu einem Volksaufstand gekommen wäre, als der Versuch einmal unternommen wurde. Seitdem existiert hier diese kleine Insel der Freigeistigkeit und Kreativität.

Da nicht genügend Strom für den Betrieb der Drucker zur Verfügung steht, verfassen die Studierenden ihre Texte per Hand und schreiben die Arbeiten ihrer Kommilitonen ab. Dass diese Methode den Austausch unter den Schreibenden und die Überarbeitung der Texte hervorragend unterstützt, haben die Lehrenden erst herausgefunden, als sie gezwungen waren, auf die technische Vervielfältigung zu verzichten.
Jeden Tag stehen zahlreiche Menschen mit Kastenschnitt – denn jetzt müssen alle die wenig trendige Frisur tragen – auf dem Hof Schlange, um frische Exemplare der handgeschriebenen Texte zu erwerben. Sie kommen nicht nur aus den Dörfern in der Region, sondern haben teilweise auch mehrere Tage lange Reisen hinter sich, wenn sie auf der Domäne an der Innerste ankommen. Einmal die Woche, am Sonntag, werden die besten Texte der eng beieinander stehenden Menge vorgelesen. Diejenigen, die kommen und zuhören konnten, müssen in den nächsten Tagen ihren Nachbarn und Kollegen auf den Feldern davon erzählen.

Der wenige Strom, den die Universität noch hin und wieder bekommen kann, wird zum Betreiben des einzigen noch funktionsfähigen Computers genutzt. Hier schreiben die Studierenden an E-Books, einer Form des Buchs, die lange als die zukünftig dominierende Form schlechthin galt. Die Texte werden ausgebaut, mit Fotos, Videos und Musik gespickt und an die wenigen Menschen – meist wohlhabende Funktionäre – verkauft, die noch E-Book-Reader besitzen und einen Zugang zu Strom haben. An den E-Books sowie an den Lesungen und selten genehmigten Aufführungen arbeiten die Schreiber gemeinsam mit Studierenden der Bereiche Theater, Musik und Kunst, die ebenfalls noch an der Universität unterrichtet werden.
Die Domäne an der Innerste ist eine Insel der Hoffnung für die Menschen aus dem Umland. In grauen Zeiten brauchen sie eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen.

Nach der Gründung des Instituts in den 1990er Jahren – wie ewig lang das her zu sein, wie fern das damalige Denken bereits scheint! als man sich gesorgt hat, dass die Computer es nicht schaffen würden, von 1999 auf 2000 umzuschalten… Hätten sie es besser nicht geschafft, dann wäre das System eingebrochen, als es noch nicht so viel zu spät war – wurde dieses lange Zeit als „Schreibschule“ belächelt. Die Medien nannten es abschätzig ein Ort des überflüssigen Zeitvertreibs für höhere Töchter und Söhne aus Akademikerhaushalten. Die hier Studierenden hätten der Welt nichts zu erzählen außer vielleicht, wie schrecklich langweilig sie sind.
Heute erzählen die Lehrenden, die selbst einmal an der Universität studiert haben, häufig davon, wie sie sich früher für ihr Studium rechtfertigen mussten. Eltern, Freunde, Friseure, Nachbarn, alle stellten dieselben Fragen: „Kreatives Schreiben studieren, was macht man denn damit? Braucht man das überhaupt? Lernt man da, eine hübsche Handschrift zu entwickeln? Kann man nicht auch so Schriftsteller werden? Da muss man doch gar nichts weiter lernen.“
Es fällt den jetzigen Studenten schwer, das zu glauben. Sie werden respektiert, um ihre Fähigkeiten und ihren Studienplatz beneidet und sind wichtige Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft.

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