WriteMyMind

Es ist soweit. Am kommenden Montag werden wir alle einen historischen Moment erleben, eine neue Zeitrechnung wird markiert, das Unglaubliche wird wahr. Alle weiteren Superlative, die in den letzten Monaten für die Erfindung des Jahrtausends herhalten durften, möchte ich an dieser Stelle aus Platzmangel nicht weiter anführen. Sie dürften in vielen Ohren dennoch nachklingen. Bei der hier angerissenen Sensation handelt es sich selbstverständlich um den neuesten Streich aus dem Hause Gapple. Am kommenden Montag platziert das Unternehmen WriteMyMind weltweit in den Verkaufsregalen. Die Ursprünge dieser Wundermaschine reichen in die Dreißiger Jahre. Um zu verstehen, was auf uns zukommt, sollten wir die Wurzeln unter die Lupe nehmen.

Das Goldene Jahrzehnt – Machtverlagerungen in der Wirtschaft

Der Begriff des goldenen Jahrzehnts erscheint aus heutiger Sicht beinah lächerlich. Zwar nahm das Tempo in den Bereichen Forschung und Technologie nochmals rapide zu und kurbelte den Kreislauf damit an. Doch bereits zu diesem frühen Zeitpunkt, geisterten Prognosen, die jegliche Illusionen nach einem gesteigerten Wohlstand, gar einem fortschreitenden Wirtschaftswunder verpuffen ließen. Die Wissenschaft steuere auf den Stillstand zu, lautete eine pessimistische Meinung, die in versprengten Kreisen en vogue erschien. Parallel dazu vergoldeten die großen Spieler zu Beginn der 2030er Jahre ihre Positionen. Amazon brachte, nach der Verschmelzung mit Facebook (mit Zuckerbergs unaufgeklärtem Tod konnte FB nicht mehr auf Füßen landen) und Twitter, nun auch Netflix 3000 unter seine Fittiche. Die ohnehin schmale Konkurrenz hatte das Nachsehen. Spätestens aber die Fusion der beiden Giganten Google und Apple zum Superunternehmen Gapple sorgte für klare Verhältnisse auf dem Markt. Auf die untermauerte Machtposition reagierten die Co-Abhängigen mit Flaute.

>>Status quo ist das höchste der Gefühle<<

Gapple schien nichts weiter als Schadensbegrenzung zu betreiben. Hier und da ein Update, aber die spektakulären Produkte blieben aus. Nach eigenen Angaben, sei die Forschungsabteilung dabei gewesen einen Helm zu entwickeln, der es seinem Träger erleichtert das Gesagte in eine Fremdsprache zu übersetzen, so dass es beim Empfänger in eben gewünschter Sprache ankommt. Doch nach anfänglicher Euphorie versandete das Experiment und galt in Fachkreisen als gescheitert. Ab 2044 schwörte eine  beachtliche Mehrheit angesehener Wissenschaftler, die menschliche Spezies sei am Endpunkt angelangt. >>Dieser Status quo ist das Höchste der Gefühle<<, formulierte damals salopp Dr. Dr. Dr. Miley Gaga. Der Satz etablierte sich in Wissenschaft wie Popkultur und galt als Ausdruck des modernen, genügsamen Lebensgefühls. Gaga und KollegInnen behaupteten weiter, die Forschung würde deshalb im Stillstand verharren, weil es von nun an nicht mehr weitergehen könne. Politische Strömungen, die sich mit dem wissenschaftlichen Kreis solidarisierten, wollten noch einen entscheidenden Schritt weitergehen und das Ende des Kapitalismus nicht nur herbeirufen, sondern durchsetzen. Die Reaktion (eine Union aus religiösen Organisationen, Neocons, Neoliberalen und Kulturwissenschaftlern alter Couleurs) ließ nicht lange auf sich warten. Der Konflikt erreichte einen höheren Level, was bedeutete, die vorherrschende wissenschaftliche Meinung sollte vorerst Recht behalten. Von Entwicklung konnte nicht mehr die Rede sein. Die folgerichtige Selbstzerstörung prägte die ausgehenden Vierziger Jahre. Jene schrecklichen Gräueltaten sind ein entsetzliches Beispiel der nahen Vergangenheit, wie überschaubar der Sprung zwischen Hochzivilisation und Barbarei tatsächlich ist. Da aber weder das Ende der Welt, noch eine globale Revolution eintraten, konnte selbst jener worst case (Stillstand und Selbstauflösung) des permanent kreiselnden Wirtschaftsmodells, vom System selbst transformiert werden. Gapple spielte in dem Zusammenhang eine, wenn nicht gar die entscheidende Rolle. Die Alpha-Position erlaubte es dem Unternehmen auszuharren, während  Amazons Imperium sich verzettelte und mehr und mehr an Einfluss einbüßte. Genaugenommen hat das Unternehmen Gapple – ob zufällig oder strategisch vorhergesagt – den perfekten Augenblick abgepasst, um, gut zwei Jahrzehnte später, die echten Innovationen aus dem Hut zu zaubern und ein weiteres Mal Geschichte zu schreiben.

Die Geburtsstunde des Unmöglichen

Nach den turbulenten 40er und 50er Jahren, setzten die Sechziger fulminant ein.  Auf der EXPO 2060 in Mexico City präsentierte Gapple den ersten WriteMyMind Prototypen. Das Unmögliche war gelungen. Die Erfindung, eine Maschine, die als Schnittstelle zwischen menschlichem Gehirn und teilweise autarkem Computersystem funktioniert. Was in der Umsetzung so viel bedeutet wie, die eigenen Gedanken werden vom Computer in Worte gefasst. Schneller, als es der Mensch jemals selbst tun konnte. Diese Sensation seit – verzeihen Sie die plumpe Formulierung – Menschen Gedenken, hatte auf der Weltausstellung den Zulauf einer Pilgerstätte. Ähnlich übermenschlich und wundersam wurde WriteMyMind angesehen.

>>Die Gedanken sind frei<< – Renaissance eines Werbejingles

Von Anfang an polarisiert die Gapple Erfindung die Menschen. Befürworter sprechen von einem neuen Grad der Evolution. Die Gaga’sche Clique nutzt ihre Popularität, um insbesondere auf die Gefahren dieses Geräts hinzuweisen. WriteMyMind müsse zunächst die Gedanken des Users lesen, um sie ins geschriebene und gesprochene Wort umzusetzen. In eben diesem Zwischenschritt liege die Gefahr die Gedanken zu kontrollieren und zu manipulieren. >>Gapple gelingt mit ihrem Produkt wahrlich ein Clou. Schließlich organisieren sie sich das Monopol auf die ultimative Überwachungsmaschinerie<<, so Carter im Interview mit Fox News 3000. Ein Werbejingle, der um die Jahrtausendwende vom damaligen Emailprovider GMX geschrieben und vertont wurde, feiert dieser Tage seine Wiedergeburt. In diesem heißt es: >>Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten. Sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten.<< Gapple zeigt sich betont entspannt. Einen Angriff auf die Gedankenfreiheit führe das Unternehmen keinesfalls im Schilde. Den Ingenieuren gehe es um die unaufhaltsame Evolution. >>Jegliche Warnungen und Proteste gegen die Legitimierung des Gedankenlesens werden vergessen sein, wie Tränen im Regen.<<

Das unvergessliche Zeitalter

Das WriteMyMind erinnert an einen leichten, modernen Helm für den Cyberspace. Das Innere ist mit einer Schaumstoffschicht ausgelegt. In der Polsterung selbst befinden sich insgesamt zwanzig Sensoren, die sich von einem Ohr zum anderen spannen. Diese benötigten in den veralteten Modellen (EXPO 2060) zwingenden Kontakt mit der Kopfhaut, um eine korrekte Sammlung sämtlicher Impulse des Gehirns aufzunehmen. In der Praxis hieß das Komplettrasur. Die hochsensiblen Sensoren aber sorgen auch mit Haarpracht für ein korrektes Ergebnis. Hinzugekommen ist ein Update der Google Brille, die es dem User erlaubt Scans seiner Umgebung vorzunehmen. Innerhalb der Scans wiederum können Datenbanken angelegt werden. Die WriteMyMind User können nun beispielsweise Erinnerungen, die mit einem bestimmten Ort oder einer Person verbunden sind, als Datei aufrufen. Ab Montag beginnt eine neue Zeitrechnung. Von nun an wird nichts mehr in Vergessenheit geraten.

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