Fragt man Dominik Stutz, worum es in seinem Erstling „Melancholera“ geht, lacht er und man ist sich dann nicht ganz sicher, ob er über die Frage oder einen selbst lacht.  Melancholera mag im Untertitel als Krisennovelle bezeichnet werden, hat aber mit einer Novelle doch relativ wenig gemein. In acht Abschnitten mit schönen Titeln wie „Schwarzmagische Formeln: Spielen wir die Genesis“ und „Freudlose Mutterliebe: Jenseits von X und Y“ führt uns Stutz durch seine ganz eigene Interpretation davon, was die Literatur können sollte und wie er denkt, dass sie funktioniert.

Hier der Klappentext zum besseren Verständnis:

„Im Mortrat, dem Sumpfwald am Rand des Dorfes, verschwinden Kinder – sind sie versunken/ertrunken? Und kann man das wirklich so sagen, erzählen sie nicht vielmehr seltsam plural diese Geschichte? Erzählen einen rasanten Trip über mehrere Sinn- und Verständnisebenen hinweg? Der Autor experimentiert mit der Struktur (die auch als Person vorkommt!). In seiner feuerköpfigen Dramaturgie funken und wunderkerzen absurdeste Einfälle, als bliese ein expressionistischer Feuerschlucker ständig Sprit in die Flammen. Die Zentralperspektive des geschlossenen Handlungsraums wird empfindlich gestört. Der Leser versucht sich an Chronologischem festzuhalten, aber der turbulente epische Fluss reißt ihn mit.“

Man sollte meinen, diese Novelle wäre vor allem für Literaturwissenschaftler geschrieben und fragt man bei Stutz nach, erhält man die Antwort, dass das schon irgendwie stimmt, aber auch nicht ganz. Stutz‘ Sprache funktioniert über Symbolik und ersetzt sehr bewusst Wörter und ganze Sätze durch Zeichen, ohne dass sie an Bedeutung verlieren. Hier wird Sprachkunst betrieben, wenn eine Gruppe von Charakteren, als Wir-Erzähler kunstvoll inszeniert, beginnt, zwischen Bäumen herumzuschlingern. „wir~wanden~uns~um~sie~herum“. An anderer Stelle werden Baumstümpfe, durch Pfeile zwischen den Buchstaben, zu plastischem Leben erweckt. Und hat Stutz uns in einem Kapitel gewisse Zeichen näher gebracht, indem er sie noch mit einem Wort verwendet hat, lässt er sie schon wenig später wegfallen und den Raum der Zeichen auf elegante Art und Weise eskalieren.

Zu sagen, dieses Buch wäre leserfreundlich, wäre schlichtweg eine Lüge. Man will während des Lesens des Öfteren annehmen, Stutz habe „Melancholera“ geschrieben, um ein wenig so zu sein wie James Joyce. Wie er selbst sagt, hat er den Literaturwissenschaftlern Fallen gestellt. Mal mehr, mal weniger gekonnt. Eine Szene sollte man noch besonders hervorheben: Wenn die Struktur beginnt zu masturbieren und sich dabei die Welt in der Ekstase erschafft, dann sind es ganz bestimmt die Literaturwissenschaftler, deren „Brillen beschlugen“. Man hat wohl selten eine so elegante und pointierte Sexszene gesehen wie hier.

Doch warum ist Dominik Stutz Litfutur?
Weil er den Roman als Raum begreift, in dem er sich frei bewegen und in dem er frei handeln kann, und weil er mit Sprache auf eine Art umzugehen weiß, die neu ist. Und weil seine Struktur sich als Figur auch etwas über Literaturwissenschaftler lustig macht.

„Melancholera“ von Dominik Stutz ist 2015 in Saarbrücken als Nr. 29 der Reihe Topicana des Verbands deutscher Schriftsteller, Landesverband Saar, in der Edition Saarländisches Künstlerhaus erschienen.

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