Über ein literarisches Explorationstool. Im Interview mit Lasse Kohlmeyer

Lasse Kohlmeyer (24) ist die menschgewordene Verbindung von Buch und Computer. Nach einem Studium der Informatik im umhypten Leipzig hat es ihn jetzt in die niedersächsische Kleinstadtperle Hildesheim verschlagen, wo er sich dem Kreativen Schreiben widmet. In seiner Bachelorarbeit beschäftigte er sich mit einem digitalen »Explorationstool für Literaten«. Wie sich Algorithmen und literarische Kreativität vertragen, erkunden Mareike und Magnus im Interview.

Magnus: Unsere erste Frage lautet: Lasse, wie wird man eigentlich die Schnittstelle zwischen Informatik und Literatur?

Lasse: Man hat Interesse an beidem. Wenn ich erzähle, dass ich jetzt Kreatives Schreiben studiere und davor Informatik gemacht habe, höre ich: »Wie hängt das denn zusammen?«
Dann stellt man sich diese Frage natürlich auch irgendwie selbst. Und irgendwann findet man Antworten. Mittlerweile habe ich vier Antworten darauf formuliert, was diese Schnittstelle ausmacht – aber die habe ich auf Papier. (lacht) Deswegen dauert das jetzt ein bisschen.
Man kann von verschiedenen Bereichen da rangehen: Entweder man tritt von der Informatik aus ran und sagt, wir versuchen das Schreiben irgendwie zu beeinflussen und den Autoren zu helfen; oder wenn man es krass formuliert, wir ersetzen die Autoren – aber das sagt keiner. Dafür sind die Anwendungen eigentlich zu schlecht. Und das verkauft sich halt nicht, ne.
Und von der Seite des Schreibens her kann man ganz gut Science Fiction schreiben, wenn man so einen Einblick in Technologien hat, die tatsächlich real sind.
Und dann kann man natürlich kulturjournalistische Anwendungen bauen im Bereich Web Design, Webprogrammierung usw.
Und das Letzte, was ich mir überlegt habe, war sowas wie dynamische Story-Produktion; also Geschichten mit verschiedenen Ausgängen. Da muss man sich nicht mehr die einzelnen Enden überlegen, sondern man legt es so an, dass der Computer sie automatisch generiert. Und damit kann man dann zum Beispiel Computerspiele schreiben.

Mareike: Wie ist es als Lebewesen zwischen zwei Welten? Bist du sehr zerrissen? Hörst du viele kritische Stimmen?

L: Wenn die Leute merken, dass ich mir so viele Gedanken gemacht habe, dann werden sie meistens sehr ruhig und sagen nicht mehr so viel dazu. Und oft sind es dann auch eher interessierte Nachfragen. Die kritischsten Stimmen kamen tatsächlich von Mathematikern, als meine Arbeit noch nicht so ausgereift war, betrunken auf irgendwelchen WG-Partys. Die haben das zerrissen und gefragt, warum das relevant wäre, was ich da mache. Das ist aber danach nicht mehr vorgekommen. Allerdings hatte ich danach auch nicht mehr so viel mit Mathematikern zu tun. Aber ich gehe häufig aus der Perspektive der Informatik an Sachen heran.

M: Was ist denn die typische Informatiker-Perspektive?

L: Das ist schwierig zu sagen. Also man neigt dazu, alles ein bisschen zu überanalysieren und so an Problematiken heranzugehen, dass es immer irgendwas mit Zahlen zu tun hat. Neulich habe ich zum Beispiel, um Aufzeichnungen in einem Seminar zu machen, aus Gewohnheit eine Tabelle gezeichnet. Mein Sitznachbar hat mich dann gefragt, warum das? Und ich habe gesagt: ich weiß es nicht.

M: Um jetzt nochmal privater zu werden: Kannst du von dir persönlich herleiten, wie es zu dieser Interessenskombination aus Informatik und Literatur kommt? Ist deine Mutter Literatur-Professorin?

M: Und dein Vater bei Microsoft?

L: Also bis zur siebten Klasse war ich sehr schlecht in Deutsch, weil ich Rechtschraibung nicht drauf hatte. Irgendwann fing ich an, mich selbst fürs Texteschreiben zu interessieren. Das hat sich dann Jahre bis zum Abi hingezogen – gleichzeitig habe ich eine Vorliebe für Computer entwickelt. Ich hab dann überlegt, Deutsch-LK zu machen, aber hab letztendlich Geschichte und Mathe gemacht; auch nicht Informatik, weil das nicht ging. Aber ich glaube, rückblickend wäre eigentlich Deutsch und Info die bessere Wahl gewesen. Aber woher das jetzt genau kommt… Also mein Vater ist mathematisch eigentlich ziemlich begabt, hat aber auch Germanistik studiert. Am ehesten hat also er mir das so vererbt, das heißt ansozialisiert.

M: Ich mag ja Familiengeschichten, wenn man durch alte Fotoalben blättert und einem die Nostalgie das Rückgrat herabrinnt …

M: Richtig. In deiner Bachelor-Arbeit geht es um ein »Literarisches Explorationstool«. Wie kannst du dieses Explorationstool Normalsterblichen erklären?

L: Also es geht im Prinzip darum, während des Schreibens weitere Ideen zu gewinnen. Und das funktioniert, indem man ein Wort eintippt. Dann werden einem weitere Wörter vorgeschlagen – das passiert auf Basis einer Nachfolge-Relation. Die Idee ist dann, dass die Begriffe, die dabei rauskommen, möglichst viele weiterführende Ideen auslösen. Es gab da so komische Kreativitätstheorien, die ich angeguckt habe. Da gibt es Reizwörter – und im Prinzip möchte ich besonders gute Reizwörter haben, die dann Ideen auslösen können. Diese Nachfolger passen dann gar nicht unbedingt semantisch oder syntaktisch rein und ich glaube, das müssen sie auch nicht. Aber ich arbeite trotzdem gerade daran, dass sie das irgendwann tun werden, weil es doch viele Leute stört, dass das bisher nicht immer der Fall ist.

M: Ach Semantik. Das erinnert mich an meine Kindheit, als meine Mutter versucht hat, in Germanistik zu promovieren.

M: Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm. Lasse, kannst du fortfahren?

L: Die ursprüngliche Idee war es, Leuten mit Schreibblockaden oder denen, die keine Ahnung haben, was sie schreiben sollen, zu helfen. Dann fängt man vielleicht erstmal mit einem sehr allgemeinen Wort an, wie »der« und dann erhält man ganz viele Nomen, wie es weitergehen könnte und dann erhält man noch ein paar mehr Nomen und verbindet die vielleicht auch schon miteinander. Und dann versucht man, irgendwie Sinn reinzubringen in das, was der Computer einem da präsentiert.

M: Aber man könnte ja auch sagen: Leute mit Schreibblockaden werden Autoren genannt, oder?

L: Immer? Nicht immer. (lacht)

M: Diese Reizwörter – sind das besonders offene Worte oder Zufallsworte oder Worte, die man normalerweise nicht so oft in seinem Wortschatz verwendet?

L: Was verstehst du jetzt unter „offenen“ Wörtern?

M: Also schlägt dir das jetzt eher »Tannenbaum« oder eher »Turibulum« vor?

M: Oder eher »Baum«?

L: Ich habe das so angelegt, dass das Programm total flexibel ist und verschiedene Texte einfach einlesen kann. Denn irgendwoher kommen ja die Wörter. In der Bachelor-Arbeit habe ich mit Märchen experimentiert, weil die eben urheberrechtsfrei sind. Und jetzt experimentiere ich mit eigenen Texten und gucke, was das so über mein Schreiben sagt. Und das ist eigentlich eine schöne Gelegenheit, das eigene Schreiben ein bisschen zu reflektieren, weil man dadurch erfährt, welche Wörter man nach welchen anderen Wörtern mit welcher Wahrscheinlichkeit oder mit welcher Häufigkeit verwendet. Dann bestimme ich die Häufigkeit, mit der ein Wort auf ein bestimmtes anderes folgt. Zuletzt werden noch die unterschiedlichen Eigenschaften von Wörtern berücksichtigt, wie die Wortart zum Beispiel oder die Buchstabenzahl oder die Silbenzahl.

Da habe ich jetzt die sehr tiefgreifende Erkenntnis gemacht, dass die Buchstabenzahl oder die Silbenzahl, keine große Auswirkungen auf die literarische Qualität haben, weil damit im Prinzip nur Wörter rauskommen, mit denen ich persönlich nicht arbeiten kann. Aber das ist natürlich immer auch eine Frage der Setzung. Die Wörter, die dann dabei rauskommen, sind solche wie »der«, »von«, »man«, »keine« und nicht sowas wie zum Beispiel »Tannenbaum«, »Orchester«. Mir ist aufgefallen, dass man hauptsächlich Nomen, Verben oder Adjektive braucht, um daraus eine Idee entwickeln zu können.

M: Kann dieses Dispositiv die glokalisierte Literaturproduktion zum Positiven alterieren?

M: Also: Verbesserst du jetzt die Welt?

L: Also wenn es sehr gut läuft, dann stehen da dann nicht nur richtige Sätze, sondern auch ganze Ideen und wenn es noch besser läuft, dann hat das Programm auch noch Schnittstellen zur Wahrnehmung. Und dann entsteht eine künstliche Intelligenz. Und das verändert natürlich die Welt (lacht). Vielleicht läuft es aber auch nicht sehr gut und die künstliche Intelligenz unterwirft uns und schickt uns in den Cybertod. Ich denke, allenfalls hilft es eben bestimmten Leuten, Ideen zu entwickeln oder es geht tatsächlich in die Richtung von generativen Geschichten, die dann in Spielen genutzt werden können.

M: Das heißt, Autoren werden in Zunkunft arbeitslos sein?

M: Was M eigentlich intendiert: Könnte man sagen, dass dein Programm endgültig das Autor_Innen-Subjekt sublimiert?

L: Nein.

M: Interessant.

L: Warum sollte das Autoren ersetzten? Es steht allenfalls daneben. Ich denke, es ist erstmal eine Hilfestellung. Da entsteht aus einer Kooperation aus Maschine und Mensch etwas, was die Maschine alleine nicht hinkriegen könnte und der Mensch vielleicht alleine hinkriegen könnte, aber nicht unbedingt jeder Mensch und auf jeden Fall kein Mensch so schnell wie mit der Maschine. Das ist ja der Grundsatz jeder Automatisierung, dass etwas in kürzerer Zeit gelingen sollte.

M: Man könnte also sagen, du bist gar kein Mensch, sondern eine Maschine mit einem µ Mensch?

M: Ein Kybernetiker?

L: Es entsteht etwas Neues aus dieser Überschneidung, das abgekoppelt ist von den beiden Sachen.

M: Also bist du ein kybernetischer Übermensch. Du erschaffst »Literaformatik« oder »Infolit«.

M: Find ich nicht gut. Find ich gut.

M: Was ist dein nächstes Ziel?

L: Erstmal möchte ich gucken, welche Eigenschaften sich überhaupt eignen, um die überflüssigen Wörter rauszuwerfen. Das ist nämlich ein Hauptproblem, leider ein voll informatisches, wo ich gar keine List drauf hab das anzugehen, und das hängt damit zusammen, dass nicht so viele Texte reinkönnen, weil ich ja quasi jedes Wort dupliziere, indem ich es in eine Eigenschaft übersetzte. Damit wird die Menge an Text viel größer und es passt generell nicht so viel rein.

M: Auch als Übermensch muss man klein anfangen.

L: Der nächste Ansatz ist, dafür zu sorgen, dass es nach oben Grenzen hat. Im Prinzip müsste die zehnfache Menge an Text da reinkommen, damit man wirklich aussagekräftig ist. So hat es den Nachteil, dass es bei zu großen Textmengen entweder sofort abstürzt oder eben sehr lange braucht. Theoretisch wäre das nächste Ziel, diese Probleme zu beseitigen.

M: Auch als Übermensch muss man aufpassen, dass man nicht zu groß wird.

M: Kurze Abschlussrunde. Literaturnobelpreis oder Fields-Medaille?

L: Lieber einen Preis für Infolit.

M: Lieber Allen Turing oder Christian Kracht?

L: Turing.

M: Gottfried Wilhelm Leibniz oder Ingeborg Bachmann?

L: Ich bleib beim Gödelschen Unvollständigkeitssatz.

M: Abschlussworte: Wie sieht für dich die Zukunft der Literatur aus?

L: Ich würde mir wünschen, dass immer mehr Leute ihren Weg zur Literatur finden können, also selbst Texte produzieren können und dass gleichzeitig nicht nur eine große Masse an Texten produziert wird, sondern dass es auch Filterkriterien gibt, wodurch jeder an die Literatur kommt, die er haben möchte. Ich glaube, dass sich das schon von Mensch zu Mensch unterscheidet und dass es nicht immer dieses eine Buch gibt, das alle total interessiert.

M: Nice.

M: Dankeschön.

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  • Lasse Kohlmeyer

    Kleine Anmerkung:
    „Der nächste Ansatz ist, dafür zu sorgen, dass es nach oben Grenzen hat.“

    Natürlich ist das Gegenteil gemeint: die Grenzen nach oben sind ein Hindernis, das mich gerade beschäftigt und es muss dafür gesorgt werden diese Grenzen zu überwinden.

    Was mir zu dem Interview noch durch den Kopf gegangen ist, findet sich übrigens hier:
    http://zetetik.de/wie-es-ist-sich-selbst-zu-lesen-ein-interview-von-litfutur/

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