By Jason_Vanderhill (talk) (Uploads) - Own work, CC BY 3.0, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=15698220

Typologie der Literatur. Eine Bestandsaufnahme

Die Zukunft des Lesen und Schreibens steht noch in den Sternen. Werden Bücher bald aussterben, SchülerInnen statt Handschrift in der Schule nur noch swipen lernen, und übernehmen Emojis demnächst vollends unsere Kommunikation? Fragen, die nur Orakel zu beantworten wissen. Aber es muss ja nicht gleich die Zukunft sein – die Gegenwart ist mindestens genauso aufregend und ungewiss. Was ist Literatur heute? Dazu fünf Sentenzen, fünf Literaturverständnisse. Im Nussschälchen.

1. Der Humanist
Maximilian Gallo widerspricht einem der größten Credos der Moderne: L’art pour l’art, Kunst der Kunst willen. Literatur soll eben nicht abseits von Kriterien existieren, im Gegenteil. Literatur als Kunstform soll Gegenwarts- und Wirklichkeitsbezug beinhalten, soll auf politische und soziale Verhältnisse eingehen. Ästhetik ist erlaubt, aber nicht um jeden Preis.

2. Der Analyst
Für Laurin Thiesmeyer ist Schreiben immer schon Selektion, Reflexion, Abstraktion. Die Fähigkeit zum geschriebenen Wort trennt den Menschen von der restlichen Tierwelt. Alle Errungenschaften der Zivilisation lassen sich auf den analytischen (teils kühlen) Geist der Sprache zurückführen. Ohne sprachliche Definitionen keine Gesetzestexte, Kochbücher oder Quantenphysik.

3. Die Pessimistin
Das Internet als Untergang des Abendlandes. Noch nie wurde pro Kopf so viel gelesen wie heute, aber immer weniger Bücher. Leichtmakrele sieht aktuellen Entwicklungen besorgt ins Gesicht, fast der Justitia gleich, wenn diese über das Recht wacht: manchmal blind, manchmal blindlings. Lieber keine Welt, als eine Welt ohne Bücher.

4. Der Avantgardist
1916 düpierte das Cabaret Voltaire erst Zürich und dann den Rest Europas. Der Dadaismus war geboren und mit ihm eine literarisch-perfomative Narrenfreiheit, die bis heute ihre Auswirkungen hat. Manche sehen Johann D. Thomas‘ Schaffen in dieser Ahnenlinie, für ihn selber darf Literatur alles, muss aber nichts.

5. Der Aktivist
Jarek K. steht in der Tradition von Graffito und Aktionismus. Statt vom Elfenbeinturm aus die Gesellschaft zu analysieren (mit Nickelbrille auf der Nase und dem Kapital in der Hand), bevorzugt er handfeste Literatur. Reden ist Silber, Handeln ist Freiheit. Was zählt sind die Ideen, die in Büchern stecken, weniger welche Stilmittel verwendet werden.

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  • Fritz Iv

    Es scheint 1 wichtige Position zu fehlen, die Position der Affirmation, vielleicht auch „Relativitätstheorie der Literatur“ zu nennen, die man annäherungsweise so beschreiben könnte: Literatur ist das, was die Leute als Literatur lesen, und den Leuten soll doch niemand erzählen, was sie lesen sollen.“ (Das wäre vor allem eine Kontraposition zu 1, 3 und 5). Die Schreibhaltung der Selbstaffirmation gebiert den ganzen Genre-Fächer, den Abriss der Zäune zwischen „professionell“ und „dilettantisch“, von wo aus dann der Literaturbegriff logisch zerfasert, hin zu allem, was mit Äußerungsintentionen geschrieben wird. „Relativitätstheorie der Literatur“ insofern, als nicht nur Beurteilungen höchstens noch relative Gültigkeit haben, sondern auch typische Kriterien der Literaturkritik (sprachliches Kunstwerk, Klischeefreiheit, Reflexionsgrad, „innere Genauigkeit“, Schärfe der Beobachtung etc.) als relativ suspendiert werden. Der Relativismus ist Postulat der Populär-Kultur, die sozusagen das dilettantische („ungebildete“) Publikum bedient. Entlang dieser Linie blüht dann das Zeitalter des Ewig-Epigonalen, sagen wir mal wie in der Country-Musik. Die Doktrin dahinter wäre: Es muss einfach gefallen. Wenn man die Zukünfte der Literatur ausloten möchte, dann würde ich vermuten, dass sich die Relativitätstheorie durchsetzt, und zwar bis ins Rückenmark der literarischen Traditionslinien. „Morgen mehr“ (neulich das Projekt vom Hanserverlag unter Zuhilfenahme von T Rammstedt) lief eigentlich schon auf dieser Linie: Literatur ist das, was entsteht, wenn sch einer hinsetzt und irgendwie was schreibt – so planlos wie Katzen durch den Garten streifen.

    • Magnus Rust

      Lieber Herr Ersen,
      Sie haben vollkommen recht, anything goes.
      Aber es geht sich nicht alles aus.
      In der Theorie sind die Genres natürlich längst relativiert, und spätestens seit Filmbilder genauso als Text gelesen werden wie Bücher und Kassenzettel, kann man Finnegans Wake mit Fack Ju Göthe vergleichen. Dann sind auch intermediale Experimente wie „Morgen mehr“ möglich, obwohl Experiment hier avantgardistischer klingt, als es eigentlich ist. Experiment im Sinne: Hanser finanziert ein Projekt und der Profit ist noch ungewiss.

      Ich sage: Die Leute wollen wissen, was sie lesen sollen. Wenn im Jahr in Deutschland 90.00 Neuerscheinungen in den Markt fluten, dann freut sich jeder über eine Filterfunktion. Die Filter sind dann die Verlage, die Werbung schalten oder KritikerInnen, die Publikum haben. Nebenbei läuft vielleicht noch ein Literaturkanon mit. Verlässliche Systeme, die seit langem gut funktionieren. Man sieht eben nur, wovon man gehört hat, könnte man sagen. Es geht also um einen Markt und Marktinteressen, die dafür sorgen, dass im Mischmasch noch Blockbuster existieren und ein neuer Kanon entstehen kann.

      Bei Ihnen heißt es Relativismus und Zerfaserung, ich tendiere eher zu Differenzierung und Demokratisierung. Damit wird zwar weiter die E-Kultur (ungekürtes Unwort bis heute) ausgehöhlt, aber was ist daran bedauernswert?
      Populärkultur ist qua Definition epigonal, weil populär heißt, dass ein Sujet immer wieder rezipiert, verformt und weitergegeben wird. Wie das Motiv von Dom Juan, Doktor Faustus oder Aschenputtel.

      Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Position zur „Relativitätstheorie der Literatur“ in 140 Zeichen raffen und via Twitter in den Äther schicken. Dann fließt Ihre Idee mit in die nächste Bestandsaufnahme ein. Versprochen.

      Mit bestem Dank,

      Magnus Rust

  • Fritz Iv

    P.S. „Ihr Kommentar wartet auf Modertaion .“ Modernatio wäre als Anagramm auch möglich …

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