SPRITZ. Am Anfang war das Layout

Wir befinden uns in schnelllebigen Zeiten. Eine Floskel, mit der man den Ur-Marathonläufer Pheidippides kommentieren konnte, als auch den Bau des Orientexpresses. Diese Geschwindigkeitssteigerung verläuft in einer gefühlten Hyberbel, also immer weiter, schneller, höher. Die Distribution von Wort und Ware nimmt immer effizientere Wege. Gerade die Kommunikation hat vom Messenger, der per pedes Hiobs- oder Osterbotschaften überbrachte, bis zum Messenger, der per Klick Absagen für Verabredungen verschickt, eine Beschleunigung erfahren, die jeder mit einem Smartphone nachvollziehen kann, der auch schon mal einen Brief verfasst hat. Geschrieben in Druckbuchstaben, denn wer beherrscht heute noch Sütterlin.

Doch eine Konstante gab es über die Jahrtausende, vom antik-phönizischen bis zum klassisch-lateinischen Alphabet, von Johannes Gensfleisch zu Jonathan Ive. Die Schrift, das Wort, der Kern der Botschaft blieb unbeschleunigt. Das Unternehmen SPRITZ will diese archaische Handbremse lösen, und gibt dem letzten Skeuomorphismus des Textes in der digitalen Welt den Pensionsbescheid: dem Layout. Layouter und Layouterinnen verschönern oder erleichtern das Lesen, am Ende folgt der Inhalt aber einer ästhetisierenden Form. Und Ästhetik bremst den Lesefluss. SPRITZ jagt Satzspiegel, Kopfsteg und „Hurenkinderregelung“ über den Jordan. Was bleibt, ist ein einziger Schlitz auf dem Display, der genau ein Wort auf einmal darstellt. Mehr nicht. Das Wort wird nach einem bestimmten Algorithmus in diesem Schlitz zentriert, das war’s schon an Design. Keine Seiten, keine Zeilen, kein Blättern mehr.

Efficient delivery of content on the go, cross platform compatibility and measurement.

Der Coup ist jetzt, dass so Wörter und Sätze dargestellt werden können, ohne dass die Augen unnötige Bewegungen machen müssen, um von einem Abschnitt zum nächsten zu wandern. Die Welt von SPRITZ kennt keine Hierarchie mehr, Wörter haben nur noch eine syntagmatische Reihenfolge, aber kein Verhältnis mehr im Raum. Sie stehen nicht vor- oder nebeneinander, sie stehen hintereinander, warten in der Dritten Dimension des Displays (oder sie warten einfach im Äther, um die Koordinatenmetapher ganz aufzugeben). Die Architektur des Textes ist tot. Lange lebe das Wort, oder besser: Lang lebe der Inhalt. Das Programm verspricht dem Über-Leser, dass er mit Leichtigkeit 700 Wörter pro Minute lesen könne, also über 10 Wörter pro Sekunde. Somit hätten Sie diesen Text, bis hier, in unter 30 Sekunden lesen können.

Was hätten Sie mit der gewonnenen Zeit nicht alles anfangen können? Noch einen Latte Macchiatto ordern oder schon die Welt retten? Die Möglichkeiten wären mannigfaltig. SPRITZ spart Zeit. Allerdings ist die App damit erst einmal nur eine programmierte Form dessen, was als Kulturtechnik längst im Umlauf ist. Das Browsing, Scanning, Überfliegen und Querlesen. Wer liest jeden Text noch Wort für Wort? Lektorinnen und Bibelexegeten im Extremfall.

Der Satz wird beschleunigt und damit sein Informationsgehalt. Der geldgeplagten Brokerin oder dem Hausmann erlaubt diese neue Art des Lesens ein effizienteres Zeitmanagement. Aber was passiert mit dem Wort, das mehr sein will als kalkulierbare Information?

Lyrik und Suspense

Die selbstdeklarierte Konsumgesellschaft investiert ihre Freizeit eben nicht nur in den Erwerb von Inhalten, sondern auch in Kunst, Kultur und Kontemplation. Und Kontemplation heißt nicht, dass man die SPRITZ-Frequenz von 700 words per minute auf 350 senkt. Viele Formen des Satzes brauchen ein gedrosseltes Tempo oder das lästige Layout. Gerade die Lyrik lebt davon, dass die Autorin sich über jedes Detail den Kopf zebricht, selbst wenn das Gedicht mit einfachen Mittel wie Open Office entsteht. Wo folgt der Zeilenumbruch, wo das Semikolon, wo wird Platz zum Nachdenken eingeräumt. Auch ein avantgardistisches Literaturmonster wie Arno Schmidts Zettel’s Traum ist weder beschleunigt, im Grunde nicht einmal digital möglich. Selbst der platteste Thriller braucht die Tempokontrolle des Lesenden. Wenn der Thriller so unerträglich spannend wird, dass man fast nicht mehr weiterlesen kann, wird SPRITZ weiterpeitschen. Oder das Programm weiß in Zukunft via Big Data, wo es besonders spannend wird, und senkt die Geschwindigkeit. Ansonsten braucht der User den User, um das klassische Thrillergefühl zu erhalten.

Bei anderen Sätzen reicht die einmalige Lektüre sowieso nicht:

Das Ge-stell ist das Versammelnde jenes Stellens, das den Menschen stellt, das Wirkliche in der Weise des Bestellens als Bestand zu entbergen.

Mit SPRITZ könnten Sie diesen Satz in zwei Sekunden lesen, am besten gleich im Loop, dann wüssten Sie schnell über’s Ge-stell Bescheid. Am Ende könnten Sie diesen Satz gebetsmühlenartig runterratern; was Deutschlands Lieblingsphilosoph Martin Heidegger in diesem verborgen hat, werden wahrscheinlich nur wenige im speedmode entbergen.

Die Firma bietet außerdem (kostenlos) an, diese neue Lesetechnik als Verb zu nutzen: to spritz. Vorher wurden nur Cocktails gespritzt, jetzt gleich ganze Kladden und Kodizes. Was im Englischen als Begriff noch eine gewisse Prägnanz hat, wie to kick, to stick, to strike, wirkt im Deutschen eher unangemessen. Schnell an der Bushaltestelle nochmal die Nachrichten spritzen / spritzern? Das Englische Pendant (to spritz ist tatsächlich ein german loanword) wäre to squirt. Auf dem Weg nochmal den Wetterbericht squirten? Aber die Verwendung der App soll natürlich nicht am Sprachgebrauch scheitern.

Speedreading hat für manche Textsorten seine Berechtigung und Stärken. Vielleicht werden bald neue Gattungen sprießen, die genau auf diese Lesetechnologie zugeschnitten sind. Vielleicht werden sich digitale SPRITZ-Philosophen entwickeln, die dem schnellen Worten entsprechend formulieren.

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