Kollaborativ Schreiben – Selbstversuch I

Vom Genie zum kreativen Team – Was für Möglichkeiten bietet das Schreiben in der Gruppe? Was für Angebote gibt es? Wie funktioniert Kollaboratives Schreiben? Was ist schlecht, was gut? Ich gucke mir verschiedene Plattformen/ Webseiten an und berichte hier über meine Erfahrungen.

Teil 1: schreibdeinegeschichte.de

Die Webseite kommt mit etwas altmodischem Look daher. Schlichte Farben, hauptsächlich einspaltiger Text, ein Menü oben rechts, eine Laufschrift, die sich für 100 Likes auf facebook bedankt. Unter dem Punkt „Schreibe Weiter“ stehen eine handvoll Geschichten zur Auswahl. „Winternacht“, „Waldboden“, „Die Rache der Dunkelelfen“. Fantasygeschichten mit unzähligen Rechtschreibfehlern, die irgendwie planlos wirken. Es gibt abrupte Wechsel in der Erzählperspektive, auftauchende Fäden oder Handlungsstränge verlieren sich gleich im nächsten Satz wieder und die eigentlich schnell zu Ende erzählte Geschichte geht dann doch noch weiter.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass jeder am Ende des Textes weiterschreiben und so viel hinzufügen kann, wie er will. Es gibt keinen erkennbaren Plan, nirgendwo werden die Figuren, deren Vorgeschichte oder der Ausgang der Story diskutiert.
Ich frage mich kurz, ob die Seite noch aktiv ist, und schaue mir den facebook-Account an. Tatsächlich, der letzte Eintrag wurde im März dieses Jahres gemacht. Also scheint sich noch was zu tun. Allerdings gibt es mehrere Links, deren Ziele nicht mehr existieren, zum Beispiel die Funktion, auch im bestehenden Text etwas hinzuzufügen oder zu bearbeiten.

Ich mache mich also selbst ans Weiterschreiben. Noch mal die Geschichte „Waldboden“ gelesen, dann geht es los. Die ersten paar Wörter sind zaghaft getippt, dann komme ich nicht weiter. Was soll ich denn schreiben? Nein, jetzt streng dich an, sage ich mir. Jeder Muskel meines Hirns versucht, sich in die Situation des Protagonisten hinein zu versetzen. Nur: Was ist das für eine Situation? Es ist mir nicht wirklich klar. Es fällt mir schwer, etwas hinzuzufügen, weil ich fast gar nichts über die Figuren weiß, noch nicht einmal, ob es sich um einen Erzähler oder eine Erzählerin handelt. Geschweige denn ob er/ sie überhaupt ein Mensch ist. Natürlich könnte ich mir meine eigene Geschichte ausdenken und drauf los schreiben, aber der Gedanke, dass ich den Ideen der anderen nicht gerecht werde, dass mir existentielle Informationen fehlen, schränkt mich ein.

Kollaboratives Schreiben scheint auf diese Art nicht zu funktionieren. Es braucht mehr Struktur, vielleicht Vorgaben oder auf jeden Fall Absprachen unter den Schreibenden. Es muss klar sein, worum es geht, worauf es hinausläuft, was vor dem Einstieg in die Geschichte dort geschehen ist. Ansonsten entstehen Texte, die sich irgendwie von Satz zu Satz winden und Dialoge, in denen der Erzähler oder die Erzählerin auf einmal zusammenhanglos „BAUM!!“ ruft.

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