Ist die Zukunft der Literatur ihre Gegenwart?

Seit der Pariser Buchhändler Francoise de Poncheville über Minitel elektronische Bücher vertrieben hat, sind jetzt 19 Jahre vergangen. Die Markteinführung der E-Books erfolgte 1988, die Etablierung im größeren Ausmaß findet ab ungefähr 2007 statt. Eine lange Inkubationsphase, die nicht ungewöhnlich ist. Bevor sich einer hingesetzt und versucht hat, flugfähige Maschinen zu bauen, sind immerhin auch hunderte Jahre vergangen. Und ist erst einmal etwas entdeckt worden, folgt der sich durch die Folgeversionen ziehende Feinschliff.

Der Erfolg neuer Technologien ist streng an die Entwicklungen ihrer Biotope gekoppelt. An den technischen Fortschritt, der irgendwann aus diesem Silicon Valley herausläuft, den Mainstream flutet und ihn an seinen Begleiterscheinungen verzweifeln lässt. Eine Entwicklung, die man auch am Marktpreis ablesen kann. Dazwischen verstreichen oft mehrere Dekaden.

Auch wenn man über komplexe, auf kluger Literaturvorlage basierende Rollenspiele mit 60fps und FXAA nachdenken kann, ist die Erstveröffentlichung für die führenden Spielkonsolen trotzdem weit entfernt. Nur basiert die irrige Vorstellung, man sei nicht so weit, weil die Technik unsere Vorstellungen noch nicht eingeholt hat, auf der Tatsache, dass es zwar endlose Formate gibt, aber nur begrenzte Entwickler, die den wankelmütigen Nachfragenden ein Angebot liefern. Wichtige Größen, die in einem System wie dem unseren den sogenannten „Fortschritt“ ausbremsen, gehen in der Unübersichtlichkeit verloren.

Anstatt das Misstrauen, das viele Leser gegenüber digitalisierten Formen von Literatur hegen, versuchen zu verstehen, wird einfach die Form bekämpft. Man schämt sich ihrer Existenz und hätte die Entwickler lieber doch nicht subventioniert. Die Lösung ist ein neues Konzept. Es liegt in der Zukunft, hinter dem eigenen geistigen Horizont und jenseits einer konkreten Vorstellung. Es ist ein Ideal und das Gegenteil der Realisierbarkeit. Die Gegenwart krankt wortwörtlich am Imperfekt: einer unvollendeten Vergangenheit. Die Fragen bezüglich des Kopierschutzes digitalisierter Texte, ihrer Formate und deren Kopierbarkeit, kurz: ihrer Zugänglichkeit, all das sind die Behinderungen einer scheinbar abgeschriebenen, brüchigen Technik. Anstatt anzuhalten und das Gegenwärtige zu reparieren, wird einfach weitergesponnen.

Dabei sind Zukunftsprognosen heikel. Obwohl Bill Gates im Jahre 2004 den Tod von Spammails auf das Jahr 2006 prophezeite, tummeln sich auch heute die Mails von für die Überfahrt nach Europa Geld einfordernder, kenianischer Prinzen in den Spamordnern der E-Mail-Provider. Falsche Prophezeiungen könnten glatt ganze Reihen einer Enzyklopädie füllen oder den schrundigen Plot einer Erzählung bilden: 8 Millionen Menschen teilen sich fünf stationäre Computer, die nicht internetfähig sind und nach dem Weltuntergang im Jahre 2012 ohnehin obsolet.

„Face it, experts are about as accurate as dart-throwing monkeys.“

Zukunftsprognosen können nur unter Aussparung holistischer Merkmale entstehen. Prognosen, ob optimistisch oder pessimistisch, orientieren sich erschreckend häufig an Scheinkorrelationen und geraten damit in den Leerlauf. Störfrequenzen werden nicht wahrgenommen, Bifurkationslinien, also Stellen, an denen sich ein System völlig verändert, werden nicht berücksichtigt. Trotzdem orakeln umtriebige Trendforscher fleißig weiter, bis man davon Nasenbluten bekommt. Der Action Bias verleitet reflexartig zu einfachen Rechnungen, denn von der Idee, Kälteschlaf-Kammern oder schwebende Autos zum Beispiel, ist es ja nur noch ein kleiner Schritt zur Marktfähigkeit. Man muss bereit sein. In dieser Wahnvorstellung ist die Beziehung zwischen den Variablen und der Hypothese eindeutig. Dabei kommt eh immer alles anders.
Literatur ist schon seit Jahrzehnten digital. Und die Gegenwart der digitalisierten Literatur ist eine seit 20 Jahren anhaltende Vergangenheit, die schreiend um Bewältigung wirbt. Währenddessen scheint die Literatur, besser gesagt die Hochliteratur ihr Selbstbewusstsein verloren zu haben. Buchtrailer laufen nicht im Fernsehen, sind selten Pop-Up-Werbung im Netz. Kann das „Journal“ der Brüder Goncourt gegen Grand Theft Auto V anstinken? Muss es das überhaupt? Muss sich die Literatur gamifizieren, um überleben zu können? Und wieso endet immer alles in einem meins-ist-besser-weil? Konservative Eindrücklichkeit brauchte doch nie Follower, sondern lediglich eine Jüngerschaft. Aber das Genie ist tot.

Folgt die Form der Funktion?

Aber was ist eigentlich ein Text, wo beginnt er? Und wo hört er auf? Wie lässt er sich verorten? Welche Säulen tragen die Quintessenz der Literatur und wie lauten ihre Namen? Die Literatur scheint tatsächlich nur mit Formen zu kooperieren, die ihr schwer greifbares Wesen nicht verändern. Es lässt sich zwar kosmetisch verkleiden, aber bleibt dabei bemerkenswert konservativ. Ein Satz bleibt fürs Erste gleich, ob man ihn auf einer Tontafel liest oder ob die einzelnen Buchstaben über ein elektrisches Signal in die Hirnlappen geschrieben werden.

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