Die Themen Kultur, nationale Grenzen und welche Kulturen sich hinter diesen Grenzen verbergen ist in den letzten Monaten, ja sogar Jahren, nahezu omnipräsent. Einige Organisationen haben sich als Ziel gesetzt, den internationalen Austausch durch Literatur zu fördern und somit die Reichhaltigkeit europäischer Kulturen zu zelebrieren. Mithilfe von Gegenwartsliteratur wollen sie einen Diskurs über europäische Identität ankurbeln.

Wie lernt man einen fremden Menschen kennen? Indem er einem seine Geschichte erzählt. So scheint es nur logisch, andere Länder durch Geschichten kennenzulernen. Darüber, wie sie leben, wie sie schreiben und wie sie erzählen. Es sind die alltäglichen Erlebnisse, die uns zeigen, wie andere Menschen leben; die sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten hervorheben können. Das Wissen über persönliche Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen bringt uns anderen Menschen näher. Und was ist eine Kultur anderes, als die Menschen, die darin leben!?

Ein Netzwerk, das sich dem europäischen Austausch durch Literatur verschrieben hat, ist CROWD. Von Mai bis August diesen Jahres veranstaltet das Netzwerk eine Omnibus Reading Tour, deren Opening am 2. Mai mithilfe eines großen Countdowns auf der Internetseite entgegengefiebert wird. 100 Autoren aus 37 Ländern sollen daran teilnehmen und über den Kontinent reisen, um nicht nur metaphorisch, sondern ganz praktisch Grenzen zu überwinden und Menschen mithilfe von Literatur zusammenzubringen. Dabei finden nicht nur Lesungen sondern auch Performances, Diskussionen und Workshops statt. Im Fokus steht neben dem kulturellen Austausch die Zukunft der Literatur. Wie wird sich das Schreiben, Rezipieren und Vermitteln verändern?

Jeden Tag wird auf der Internetseite ein teilnehmender Autor vorgestellt, der Antworten auf diese Fragen sucht. Die als „literarische Aktivisten“ Bezeichneten geben dabei einen kleinen Einblick darüber, wer sie sind und wie ihre Schreibprozesse und -erfahrungen aussehen. Gefördert wird dieses Unterfangen von einer langen Liste nationaler, regionaler und europäischer Stiftungen. Eine App, die am 22. April erscheint, wird eine Übersicht über alle Termine, Orte und teilnehmenden „literarischen Aktivisten“ bieten.

Sprache verbindet seit jeher die Menschen, hat jedoch auch die Macht, sie voneinander zu trennen. CROWD sieht Literatur als gemeinsame Sprache – auf vielen verschiedenen Sprachen. Dabei scheint mir der Übersetzungsprozess nicht unerheblich. Wo 100 verschiedene Autoren zusammenkommen, treffen Sprachen und Kulturen aufeinander, wobei das eine nicht vom anderen zu trennen ist. Wie eine Kultur verstehen, wenn man die Sprache nicht versteht? Hier kommen die Übersetzer und Dolmetscher ins Spiel. Leider verrät CROWD nicht, auf welche Weise diese Hürde genommen werden soll. Workshops und Diskussionen können heutzutage fast problemlos auf Englisch abgehalten werden. Im Notfall helfen Dolmetscher bei der Kommunikation. Ob aber die Texte bei den Lesungen in den Muttersprachen der Autoren gelesen werden, ob sie vorher bereits ins Englische (oder womöglich in die jeweilige Landessprache des Tour-Stops) übersetzt wurden oder welche Art der Übersetzung zu tragen kommt, wird auf der Homepage nicht verraten. Wie dieses Projekt letzten Endes durchgeführt wird, wird man wohl erst erfahren können, wenn die Tour startet.

Solch ein großes Projekt birgt natürlich auch viele Risiken. Wie viel Austausch kann auf diesem Trip tatsächlich stattfinden? welches Publikum zieht ein solches Event an und werden die Workshops und Diskussionen am Ende vielleicht nur von den Veranstaltern selbst besucht? Werden am Ende die Autoren die einzigen bleiben, die davon profitieren und wenn ja, wäre nicht auch das ein Erfolg?

Bei der Vorstellung von Hundert Künstlern, die in Bussen über den Kontinent touren, entsteht ganz unwillkürlich auch das Bild von Dutzenden leeren Bierkästen und einer nicht unerheblichen Menge an (natürlichen) Rauschmitteln in meinem Kopf. Das ist vielleicht nur das Klischee von Künstlern, oder im speziellen Schrifstellern, dass ihre Arbeit immer mit einem gewissen Alkoholkonsum einhergeht, völlig realitätsfern ist es aber nicht. Wo so viele Autoren – und Stiftungsgelder –  zusammen kommen muss auch die Frage gestellt werden, wer eigentlich von der ganzen Aktion profitiert. Ob sich der kulturelle Austausch am Ende nur auf den Austausch national-speziefischer Biersorten beschränkt oder doch die sehr hochgesteckten Ziele des Unterfangens durch ein produktives Miteinander erreicht werden können. Das heißt natürlich nicht, dass 24 Stunden am Tag nur Arbeit auf dem Plan stehen muss, aber trotz aller Begeisterung muss man sich manchmal ein bisschen zurücknehmen und darüber nachdenken, was der eigentliche Grund der Begegnung ist.

Doch wer nichts wagt, der nichts gewinnt, wie es so schön heißt, und probieren geht über studieren …

Und das Ergebnis könnte man sich in den Wochen vom 22.05.-12.06.2016 anschauen, wenn die deutschen Städte Hamburg, Kiel, Greifswald, Berlin, Wiesenburg (Mark) und Frankfurt Oder besucht werden.

CROWD ist derweil bei weitem nicht das einzige Netzwerk, das Literatur als gemeinsame Sprache versteht. Literature Across Frontiers, Words Without Borders und European Literature Network sind nur einige Bespiele, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Sie fördern literarischen Austausch, indem sie Projekte und Konferenzen organisieren, internationale Autoren veröffentlichen und übersetzen und Menschen und Initiativen mit den gleichen Zielen vorstellen.

Die Organisation Literature Across Frontiers entwickelte die App LitNav (leider nur bei iTunes zu finden), die einem durch Kurzgeschichten die Möglichkeit bietet, verschiedene Städte auf der ganzen Welt kennenzulernen. Die App ist für Reisende gedacht, solche, die tatsächlich reisen und auch besonders für die, die nur in ihren Gedanken einen Ausflug in eine ferne Stadt unternehmen wollen. Je nach Gemütslage  und Dauer ihrer Fahrt können sie die Länge der Geschichte, das Genre, den Ort und die Art ihrer Reise wählen.Das wäre sicher eine kleine Inspiration für die „literarischen Aktivisten“ von CROWD auf ihrer Omnibus-Reise-Tour und für alle, die ein bisschen neidisch auf sie sind, weil sie die Möglichkeit bekommen, neue Orte kennenzulernen.

Wahrscheinlich kann keine Geschichte den tatsächlichen Besuch eines Ortes ersetzen, aber vielleicht kann ein Gefühl übermittelt werden, das dabei hilft, den eigenen Horizont zu erweitern.

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