Fälschen und verkaufen

“Brauchen Sie eine Rezension? Bis zu einer Länge von 150 Wörtern rezensiere ich jedes Produkt, jede Serviceleistung oder oder jedes Unternehmen. Sie müssen mir nur einen Link zu den Informationen schicken, die ich rezensieren soll. Ich veröffentliche diese Rezensionen auf keiner Website, sondern schicke Sie Ihnen zurück und Sie können dann damit machen, was sie wollen.”

Diese Dienstleistung wird auf der Plattform fiverr angeboten.  Fünf Dollar pro Rezension werden verlangt. Kritiker lautete die Berufsbezeichnung früher. Diese Anbieterin hier firmiert unter dem viel schöneren Benutzernamen “Articlequeen”. “Articlequeen” versteht sich aber nicht nur als Rezensentin. Sie bietet einen professionellen Service. Was sie schreibt, speist sie in hundert verschiedene Webverzeichnisse ein. Der Auftraggeber wird dann über die Resonanz auf dem Laufenden gehalten. “Articlequeen” benutzt auch eine spezielle Software, mit deren Hilfe sie die Texte auf Individualität trimmt. Damit lassen sich dann bessere Rankings bei Google erzielen. Das Berufsbild des Kritikers verändert sich dramatisch: der neue Rezensent muss nun auch noch SEO-Spezialist sein – und das alles für fünf Dollar pro Artikel.

A polite fellow with a rakish goatee and an entrepreneurial bent, Mr. Rutherford has been on the edges of publishing for most of his career. Before working for the self-publishing house, he owned a distributor of inspirational books. Before that, he was sales manager for a religious publishing house. Nothing ever quite worked out as well as he hoped. With the reviews business, though, “it was like I hit the mother lode.”Das scheint wenig. Doch wenn man es so betreibt wie die “Articlequeen” und Textgeneratoren verwendet, Individualität durch schlichte und natürlich automatisierte Wortumstellung erzeugt, kann man auf diese Weise sehr schnell sehr viele Texte liefern. Das wissen natürlich auch andere. Zum Beispiel der gerade von der New York Times mit einem Porträt gewürdigte Todd Rutherford, der den inzwischen wieder eingestellten Dienst gettingbookreviews.com erfunden hat. Dafür wurde er zwar massiv angefeindet. Doch konnte er in kurzer Zeit mehrere tausend Dollar mit seinem Rezensionsdienst verdienen.

Seit vor ein paar Tagen die New York Times mit einer großen Story das Thema aufgegriffen hat, glühen im amerikanischen Buchmarkt dieKanäle. Jetzt hat auch die deutsche Branche aufgemerkt. Denn diese neuen Rezensenten, unterstützt von Algorithmen, die vollautomatisch aus dem Text neue Varianten generieren, haben für ihre Auftraggeber einen unschätzbaren Vorteil: sie finden alles gut. In Portalen für Hotel- oder Restaurantbewertungen hat sich das schon bewährt. Bei allzu viel Öffentlichkeit leidet zwar manchmal die Glaubwürdigkeit. Doch nun lernt auch der Buchmarkt, dass die Rezensionsseiten der Zeitungen gegen diese Verfahren chancenlos sind.

Spamazon

Längst gibt es Rezensionsfabriken, in denen Rezensenten für 10 bis 20 Dollar pro Rezension den Verkauf bei Amazon ankurbeln. Eine Rezensentin, die eine ganze Weile für so eine PR-Fabrik gearbeitet hat, erzählt, dass man nicht explizit aufgefordert wird, Lügen zu verbreiten. Doch wenn die Rezension später im Bewertungssystem von Amazon keine fünf Sterne erreicht, wird eben weniger gezahlt. Auch das ist ein neues Element im Berufsbild des Rezensenten: das Erfolgshonorar.

Die ungeheure Inflation von Buchbesprechungen dieser Art hat eine Gruppe von Forschern der Cornell University veranlasst, nun ihrerseits einen Algorithmus zu entwickeln, der maschinell produzierte oder aufgemotzte Texte aufspüren soll. Bei ihren Recherchen sind sie zu interessanten Ergebnissen gekommen. Ein wichtiges Merkmal von dem, was sie Meinungsspam nennen, ist nämlich der Einsatz fiktionaler Mittel zur Erzeugung von Authentizität.Das schlägt sich unmittelbar in Stil und Rhetorik der Texte nieder: je mehr Sterne eine Rezension bei Amazon erzielt, desto mehr Superlative und Imperative enthält sie. Wer für solche Veränderungen allein das Web verantwortlich macht, der irrt. Die Dumping-Rezensenten imitieren ebenso wie die vollautomatischen Rezensions-Programme die Techniken, die in der analogen Welt schon üblich waren: Klappentexte plündern, Pressetexte paraphrasieren, schnell die Zeilen füllen, dann ein paar Varianten herstellen, um auch noch Mehrfachverwertung möglich zu machen und den ohnehin dürftigen Ertrag halbwegs erträglich werden zu lassen. Die Recherchemöglichkeiten des WorldWideWeb haben das nur potenziert und dynamisiert.

So haben die Programmierer nicht nur das Geheimnis des neuen Rezensionswesens entdeckt. Sie sind auch einer ganz neuen Form von Literatur auf die Spur gekommen, die sich nicht nur zwischen Fiction und Non Fiction bewegt, sondern auch an den Grenzen zwischen menschlichem und maschinellem Schreiben experimentiert. So gesehen ist das, was Rezensenten wie “Articlequeen” betreiben, Avantgarde.

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