Die Zukunft der Literatur heißt Lyrik

Wer über die Zukunft der Literaturwelt spricht, sieht sich mit verschiedenen Facetten konfrontiert. Auf einer Seite stehen ökonomische Entwicklungen, die den (privaten) Buch- und Lesemarkt verändert haben, wie den konstanten Digitalisierungsmarathon von Google, die Etablierung von E-Readern oder Fanfiction. Dazu kommt das digitale Überangebot und veränderte Schreib- und Lesegewohnheiten. Auf Nachrichtenportalen, in Blogs, Subreddits, Foren oder sozialen Netzwerken jeglicher Colouer kann über alles geschrieben und gelesen werden. Durch Messenger wie WhatsApp oder E-Mails schreiben Menschen mehr als in vorherigen Jahrhunderten. Digital und in kleinen Portionen. Sinnbild dieser Entwicklung ist Twitter: Maximal 140 Zeichen, Themen werden verschlagwortet, die Kommunikation beschleunigt, die Zurückverfolgbarkeit von Diskussionen verwischt.

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Ist potent.
Ist potenziell.
Lyrik ist individuell.
Lyrik ist kompliziert, anarchisch und unverständlich.
Lyrik ist kurz, präzise und schnell.

Durch einen veränderten Medienkosmos nimmt die durchschnittliche Aufmerksamkeitspanne des Otto Normalverbrauchers ab, übereifrige Kritiker sprechen sogar von »Digitaler Demenz«. Projiziert auf die Jugend bedeutet das: Ein 1000-Seiten-Buch zu lesen, ist für sie nicht möglich. Außer alle zehn Seiten ist ein Meme oder ein Video eingebunden. Die Teenager verwahrlosen solitär vor dem iPad. Außerdem, nachdem erst Sütterlin umfassend und jetzt Schreibschrift partiell als Teil der Schulbildung ausstirbt, wird demnächst wohl nur noch getippt und nicht mehr gekritzelt werden. Unwahrscheinlich.
Aber gute Panikmache.

Wenn man sich dem Thema affirmativ widmet, dann darf man (sich) fragen: Welche Formen der ästhetischen Kommunikation werden durch Plattform wie Twitter gefördert oder ermöglicht.
Die Antwort: Lyrik

Lyrik ist selbst im bildungsbürgerlichen Milieu das Stiefschwesterchen vom großen Bildungsroman. Wer Gedichte oder Lyrik verfasst oder liest, dem wird postwendend Eskapismus und ein romantisches, naturalistisch-verklärtes Schmachten unterstellt (zumindest tue ich das normalerweise).

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.
(Joseph von Eichendorff)

Aber Lyrik war und ist natürlich mehr.

Erst einmal kennt Lyrik keine Längenvorgabe. Warum sollte es auch. Weil die Länge eines Textes ein Qualitätssiegel vorgauckelt, wie Sascha Lobo einmal angemerkt hat? Ein gutes Gedicht kann aus vier Zeilen bestehen oder vierhundert. Lyrik kann sich reimen, muss es aber nicht. Kann den Alltag beschreiben oder etwas Imaginäres. Auf Basis des Alphabets, um bei den Möglichen von Twitter zu bleiben, kann jede noch so avantgardistische Geschichte gebaut werden. Anders als Prosa, bei der allgemein noch syntaktische oder orthografische Konventionen herrschen, ist in der Lyrik alles möglich. Wörter können erfunden und verstümmelt werden. Sie dürfen sich im Raum verlieren; sie dürfen ihren Sinn einbüßen. Lyrik kann politisch sein. Wieder. Früher erreichten Heinrich Heine oder Georg Weerth noch einen gewissen Radius mit politischer Lyrik. Aufschrei gibt es in Deutschland heutzutage nur, wenn Günter Grass verteidigt, dass man sagen darf, »was gesagt werden muss«.

Ein Gedicht kann in fünf Minuten geschrieben werden und in zehn Sekunden gelesen. Lyrik passt in einen Tweet, eine SMS oder kann als Text-Meme durch den Äther geschickt werden. Es gibt keine Einstiegshürde. Ohne Wissen um Jambus, Zeilenfall oder Ernst Jandl kann selbst produziert werden.
Heutige Lyrik besitzt außerdem die Möglichkeit, abseits eines eingeschworenen Literatenkränzchen zu existieren. In diesem Sinne ist Lyrik disruptiv. Ein paar Zeilen können schnell an die nächste Häuserwand gesprüht werden. Drei Parolen sind auch schon ein Gedicht.
Lyrik existiert aber nicht nur auf dem Papier. Spoken Word und Poetry Slam zeigen, wie mit Rhythmus (aber nicht zwingend mit Musik) aus einem Wort ein Erlebnis gemacht werden kann. Populare Bastionen der vertonten Lyrik zeigen sowieso längst, wie im portionierten 3-Minüter Emotion oder Witz vermittelt werden können: Popmusik oder Hip-Hop fußen genauso auf den Lyrics, wie auf dem Beat.
Lyrik ist flexibel. Und wenn von einer Digitalisierung der Wirklichkeit gesprochen wird, dann ist Poetry Slam der beste Beweis: Präsens (der Live-Moment) wird zur Kompensation digitaler Ubiquität. In einer verwerteten Welt, wo weniger Platten und Bücher pro Kopf gekauft werden, sprießt die Eventkultur und damit die Bedeutung des sozialen Versammelns. Das ist nicht mehr ein Familiengeflecht wie vor 100 Jahren, aber eine aktualisierte Art der Kollektivität.

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