[Interview mit Kornelius Friz, aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Juli 2015]
Amazon bezahlt seinen E-Book-Autoren seit Anfang Juli 0,006 US-Cent pro gelesener Seite. Bedeutet das eine Gefahr für das Schreiben und vor allem das Endprodukt, den Text?

Man könnte den Spieß auch herumdrehen: Was ist interessant daran? Man sagt ja immer sofort, dass nun nur noch Cliffhanger eingebaut würden. Aus Autorenperspektive gesehen, ist es aber nicht so einfach, so zu schreiben. Natürlich gibt es Schreibratgeber, wie man einen Thriller oder eine Sitcom schreibt oder wo man einen Plot-Point setzt. Diese Art des Schreibens würde aber bedeuten, dass jahrtausendealte Erzähltraditionen ausgesetzt würden, um algorithmische Muster an deren Stelle zu setzen. Das aber gibt es längst, Zum Beispiel vor Jahrzehnten in Frankreich durch „Oulipo“ (Ouvroir de littérature potentielle). Da sind quantitative Methoden längst erprobt worden und zwar selbstverständlich ohne jeden ökonomischen Erfolg.

Welche Auswirkungen hat Amazons neues Vergütungsmodell auf die professionelle Verlagslandschaft und deutschsprachige Autoren überhaupt?

Erst mal gar keine. Das Modell betrifft schließlich nur bestimmte Autoren, nämlich vor allem Selfpublisher. Es geht also um eine überschaubare Menge und eine überschaubare Art von Texten. Um sehen zu können, wie es darüber hinaus weitergeht, muss man zwei Parameter wissen: Welche Zeichenzahl gibt Amazon als eine Seite vor und zweitens, wie viel Zeit muss ein Leser auf einer Seite verbringen, damit sie als gelesen gilt. Darüber schweigt Amazon bisher. Wenn man beides wüsste, könnte man dann natürlich versuchen, den Leser dazu zu bringen, dranzubleiben. Da käme man allerdings ziemlich rasch zu einer riesengroßen Zahl an Texten, die alle gleich funktionieren.

Laut Amazon hätten die Autoren um die Abschaffung der bisherigen Tantiemen-Zahlung gebeten. Hat die neue Regelung Vorteile für Autoren?

Der Grund dahinter ist natürlich, dass es Leute gab, die die gegenwärtige Situation als ungerecht empfunden haben. Amazons bisherige Politik, erst ab zehn Prozent zu bezahlen, hat für eine Flut an kurzen Texten gesorgt. Menschen, die lange Bücher veröffentlicht haben, wurden benachteiligt. Das wird mit der neuen Regelung anders aussehen.

Der Verband deutscher Schriftsteller sieht hierin eine Beschneidung der Gedankenfreiheit für Autoren sowie Leser. Besteht tatsächlich eine Gefahr für unser Leseverhalten?

Das erscheint mir oberflächliche Panikmache zu sein. Die Gefahr sehe ich nicht. Aber man sollte sich über die Konsequenzen Gedanken machen, wenn dieses Modell sich über seinen beschränkten Rahmen hinaus entwickeln sollte. Dann würden Parameter verschoben, die das Verhältnis von Qualität und Quantität umkehren. Wenn ein ökonomisches Kalkül für das Schreiben von Literatur entsteht, hat es sicher Auswirkungen auf die Rezeptionsgewohnheiten, die wir in den letzten 200 Jahren erlernt haben. Das als Apokalypse auszumalen, halte ich für fraglich. Wenn dann in dem Feld der erzählenden Literatur sich große Gleichförmigkeit ausbreitet, werden neue Textformen entstehen, mit denen die Gesellschaft sich von sich selbst erzählt.

Mehr Seiten bedeuten bessere Bezahlung. Könnte sich hierdurch eine Gegenentwicklung zu den literarischen Kurzformen des Internets entwickeln?

Längere Formate sind interessant, wenn man etwa an serielles Schreiben denkt oder an das, was man „Work in Progress“ nennt. Das sind Texte, die nicht unbedingt abgeschlossen sein müssen, die nicht die Form eines klassischen Romans oder einer Novelle haben müssen, sondern sich wie im Bereich der Fernsehserie eher wuchernd entwickeln können, ohne dass man am Anfang weiß, wie es irgendwann weitergeht. Der Fortgang hängt dann maßgeblich von der Resonanz ab. Das kann man auch an der Serie „Sopranos“ sehen, die aus heutiger Sicht wie ein historischer Monolith, ein Gesamtkunstwerk dasteht. Anfangs wussten die Macher nicht einmal, wie die aktuelle Staffel enden würde. Das sind sicherlich Produktionsbedingungen, die der Literatur heute fremd erscheinen, aber eben noch interessant werden könnten – und die es ja auch schon gegeben hat, denkt man etwa daran wie während früherer ökonomischer und medialer Umwälzungen Charles Dickens geschrieben hat. Unter gegenwärtigen und künftigen Bedingungen wird es einen starken Akzent auf kollektiven und kollaborativen Formen literarischer Produktion und Rezeption geben.

Viele Autoren schreiben auf Twitter täglich Mikro-Texte, die sich aufeinander beziehen und sich ins Verhältnis zum Weltgeschehen setzen. Können diese Metatexte den Roman ablösen?

Nein, das ist nie eine Frage der Ausschließlichkeit. Immer wieder werden von der einen oder anderen Seite Antagonismen aufgebaut, um die eigene Position attraktiv zu machen. Twitteratur als Alternative zum Schmöker zu setzen, ist albern. Andersrum gilt das genauso. Erst wenn sich beides überschneidet, wird es spannend. Gute Literatur ist solchen schlichten Oppositionen voraus. Und das kann auch in dicken Büchern geschehen, auch von deutschen Autoren, wie in jüngster Zeit Christopher Eckers tausendseitiger „Fahlmann“ oder kürzlich Frank Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“.

In der Musikbranche haben sich mit Streamingdiensten neue Bezahlmodelle entwickelt. Warum tut sich Literatur schwer mit neuen Vertriebs- und Bezahlformen?

Das Streamen von Literatur würde ja gerade etwas Ähnliches wie die neue Vergütung von Amazon voraussetzen. Das funktioniert in einem bestimmten Bereich sicherlich ganz gut. Wo man etwas Abgeschlossenes hat, eher nicht. Das muss auch in Bezug auf Nutzungssituationen gedacht werden. Wenn ich für ein Konzert Eintritt bezahle und nach zehn Minuten gehe, bin ich das Geld los. Wenn ich aber beim Joggen Musik hören, könnte es sein, dass ich nur für die Zeit bezahle, in der ich das Angebot nutze. Man kann sehen, ob sich Ähnliche Rezeptionssituationen sich auf Literatur übertragen lassen: Bin ich auf einer Lesung oder lese ich auf der Couch? Gehe ich auf ein Literaturfestival oder höre ich mir eine Lesung online an?

Spielt Literatur zum Hören abseits von Lesungen eine Rolle im Literaturbetrieb?

Seit 2009 entwickle ich gemeinsam mit Studierenden die Online-Plattform Litradio. Die Nutzungszahlen sagen eindeutig: ja, für viele Menschen spielt das eine Rolle. Aber was heißt „viele“? Wir sprechen hier ja immer von Nischen, kleinen und größeren. Und Ich bin sicher, dass es eine kleine Anzahl von Menschen gibt, die sich manche Mitschnitte gerne auch dann anhören würden, wenn es sie nur exklusiv und gegen Bezahlung oder Spende gibt. Es gibt ja bereits vielfältige Bezahlsituationen und Monetarisierungsformen, die aus der Not geboren sein können oder eben schlicht ihrer jeweiligen Nische entsprechen. Selfpublishing ist nur ein Beispiel. extremer und konsequenter arbeitet etwa Urs Engeler. Der konnte seinen Lyrikverlag nur betreiben, weil er lange Jahre einen Mäzen hatte. Mittlerweile erscheinen seine Bücher als „roughbooks“, ohne ISBN-Nummer, also komplett am Buchhandel vorbei. Das ist nicht tragisch, sondern eine Alternative, für diese Bücher genau die richtige.

Samsung hat Anfang Juli die App „Re:Shakespeare“ veröffentlicht, mit der Schüler über interaktive Musikvideos und lyrische Wettbewerbe für die Werke Shakespeares gewonnen werden sollen. Was bedeuten solche digitalen Angebote für die Literaturvermittlung?

Ich finde das großartig. Dieses Angebot setzt nur konsequent fort, was Genius.com vorgemacht hat. Diese Seite begann einst als Rapgenius.com und bietet mittlerweile zahlreiche Sparten, unter anderen auch Litgenius.com, wo Leser sich gegenseitig Texte erklären. Hier versammelt sich ein eher jüngeres Publikum aus popaffinen Kontexten, um neben Kenrick Lamar oder J Dilla gemeinsam auch Shakespeare, Dante oder Jonathan Franzen zu lesen und zu diskutieren. Das ist zukunftszugewandtes Social Reading!

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