Am Scheideweg der Zukünfte

Lasst uns über die Zukunft reden.

Die Zukunft ist nicht mehr wegzudenken, vielleicht ist sie sogar wichtiger Bestandteil des Denkens an sich. Gegenwärtiges reflektieren, Zukünftiges imaginieren, wobei Zukunft meistens eher pragmatisch als phantastisch genutzt wird. Was esse ich am Freitag, wann hole ich die Kinder aus der Krippe und schenken wir Opa ein Tablet zum Geburtstag? Im Alltag geht die Zukunft in der Planungskompetenz auf und hat wenig von Science-Fiction oder Maya-Prophezeihung.

Weitet man aber den Zeitraum der Planung aus, wird aus der Planung schnell Spekulation, die verschiedentlich selbstbewusst verkauft wird. Manche sagen die Geschichte voraus (Karl Marx), manche das Wetter (Meteorologie), andere Kriege (Orakel von Delphi / Nostradamus). Wieder andere stellen Konzepte auf, die auf die ein oder andere Weise irgendwann tatsächlich realisiert werden, wie der „Memex“ von Vannevar Bush, der 1945 so etwas wie Computerdesktops und Hypertexte ersehnte.

Wendet man eine Sentenz von Marx pop-philosophisch, dann heißt es: „Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert und sie dadurch verändert.“ Science-Fiction-AutorInnen, Verlagshäuser oder post-koloniale Think Tanks imaginieren nicht nur nahe oder ferne Zukünfte, mit ihren Überlegungen nehmen sie Einfluss auf kommende Ereignisse. Ein basales Beispiel stammt aus der jungen Welt des Tablets. 2011 verklagte Tech-Unternehmen Apple seinen Konkurrenten Samsung, dieser habe Form und Funktion des iPads unrechtmäßig kopiert. Samsungs Verteidigung brachte daraufhin ein eher ungewöhnliches Beweisstück ins Spiel, einen Auschnitt aus Stanley Kubricks Weltraumklassiker „2001: A Space Odyssey“.

In einer Sequenz sitzen zwei Männer beim Essen und chatten auf ihren Tablett-PCs anno 1969. Was damals technologisch State of the Art war (die Touchscreen-Technologie war gerade frisch in der Entwicklung), brauchte dann allerdings einige Jahrzehnte, bis es marktreif in heimische Wohnzimmer einzog. Vielleicht hat Samsung bei Apple abgeschaut, vielleicht hat sich Apple aber auch bei der Zukunftsvision der Vergangenheit bedient. Nach Jahren des Rechtsstreits musste übrigens Samsung trotzdem mehr als eine halbe Milliarde Dollar an Apple abdrücken. Am Ende steht die Frage: Wie viel Einfluss hatte dieses materialisierte Zukunftsobjekt auf die Zukunft?

The Future is now

Engen wir den Dunstkreis wieder auf die Literatur ein. Was und vor allem wie lässt sich über die Zukunft des Lesens, des Schreibens, des Wortes reden? Dazu sollte man noch einen Schritt weiter ins Detail gehen: Wie verändern sich verschiedene Bereiche, wie verändern sich die Bereiche wechselseitig?

Produktion = Schreiben am PC, Recherche im Internet, Lektorat per E-Mail, Honorare, Formate, Marktförmigkeit, Mehrfachverwertung etc.
Distribution = Lieferungen, Bezahlysteme, Kontrollinstanzen, Marketing, Kuratierung usw.
Rezeption = Buch, E-Book, Lesungen, Events, Aufmerksamkeitsspanne, Einbettung in eine Multimediawelt, Vermittlung u.a.

Wie verhält es sich mit dem Wechselspiel von Analog zu Digital, gibt es überhaupt noch einen Limes, gab es je einen? Ist es wichtig, ob man mit Federkiel, Kugelschreiber, Schreibmaschine, Tastatur oder Touchscreen schreibt (Heidegger & Han & Kittler schreien: JA!)? Ist tippen überhaupt noch schreiben? Ist Twitter noch Literatur (Rust & Egan rufen: JA!)?

Simulierte Welt

Wie wollen wir heute sprechen? Es gibt verschiedene Ansätze, über kommende Ereignisse zu reden und mit ihnen umzugehen. Die einen verlassen sich auf Simulation, lesen Daten in Maschinen und berechnen, was statistisch mit diesen oder jenen Parametern passieren könnte. Dabei verlässt man sich gerne auf Stochastik und hard facts. Damit lassen sich kommende Cumuluswolken quantifizieren, aber nicht die nächsten Kontingenzen wie E. L. James oder J. K. Rowling. Oder man erzwingt die Zukunft. Das ganze heißt dann Planwirtschaft, funktioniert aber leider nur, wenn man ein global player oder Medienmogul ist. Außerdem muss man an die Omnipotenz der Kulturindustrie und die Weltverschwörung des Literaturbetriebs glauben. Oder man denkt die Zukunft als Utopie, als Happy End der Literaturgeschichte. Auf dem Weg muss zwar erst der Brockhaus aussterben, aber schlussendlich ist die Weltbevölkerung der (media) literacy mächtig.

Language der Zukunft

Der Gedankenhorizont ist geschärft, wie aber darüber reden? Es könnte leichter sein. Zum einen (obviously), weil manche Dinge noch nicht existieren, die im Wortkosmos von Morgen eine Rolle spielen. Zum anderen, weil uns noch Wörter fehlen, um das Morgen zu beschreiben. Entweder man erfindet sie auf Vorrat (Roboter, Cyborg, Virtual Reality, Zeitmaschine) oder schafft gleich ganz neue Sprachvariationen, wie Neusprech à la George Orwell oder Soziodialekt Nadsat à la Anthony Burgess Roman „Clockwerk Orange“.
Oder man (er-) findet Platzhalter. Dazu ein Gedankenexperiment mit der contrastive focus reduplication. Der Begriff wird genutzt, um Altes von Neuem zu trennen und Begriffsveränderungen sichtbar zu machen, was praktisch heißt: Ein altes Wort wird verdoppelt, um sich von der neuen Bedeutung abzugrenzen.

Buch vs. Buch-Buch (E-Book vs. Buch aus Papier und Tinte)
Lesung vs. Lesung-Lesung (Multimedia-Performance vs. Wasservortrag)
Literatur vs. Literatur-Literatur („Abfall für alle“ vs. „Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch„)
Schrift vs. Schrift-Schrift (Typeface vs. Bleisatz)
Verlag vs. Verlag-Verlag (prä-internet Verlag vs. Online-Publisher)

Wenn die Autorin heute noch mit Stift schreibt, wie wird man dann in 100 Jahren retrospektiv auf diese Autorin-Autorin blicken? Wird sie (aus heutiger Sicht) eine Programmiererin sein? Wird man bald von digital-digital sprechen, wenn man vom Web 2.0  redet? Was wird man unter Kapitalismus-Kapitalismus, Lesen-Lesen, Phantasy-Phantasy, Buchstabe-Buchstabe,

Zukunft-

Zukunft

in

Zukunft

verstehen?

 

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