All day work makes Mone a dull girl: Domäne 2066

„Willkommen“, sagte der Professor Mone von Angesicht zu Angesicht, als sie ihm die Hand gab. Seine buschigen Brauen hoben sich, legte sich seine Stirn in Falten. „Sie stehen gar nicht auf der Liste“, worauf Limone antwortete, sie würde die Vorlesung bloß evaluieren, um die Ergebnisse in ihre Evaluation einfließen zu lassen. Es konnte nicht schaden, sich persönlich vorzustellen, man wusste nie, wer irgendwann ein Stimmrecht in den einschlägigen Personalgremien erhielt. Nachdem alle Studenten sich mit ihrer Chipkarte am Eingang registriert hatten, klappte Mone ihren Laptop hoch, zog das zusammengeknüllte Papier aus ihrer Manteltasche, entfaltete und fixierte es, schrieb darauf, dass der Professor vor versammelter Mannschaft die zwanzig Prozent der Eingeschriebenen, die nicht zur ersten Sitzung erschienen waren, aus der Anwesenheitsliste strich, die er via Teleprompter an die Wand hinter sich warf. Danach erschien sein Gesicht, „Willkommen“ wesentlich höher aufgelöst als eben, die Falten waren noch eindrucksvoller zu begutachten, in den Skype-Fenstern der Anwesenden. Dass die Folien im learnweb und die Skype-Übertragung kein Grund seien, der Vorlesung fernzubleiben, sei ihm spätestens, als der betrunkene Google-Mitarbeiter letzten Jahres auf der Weihnachtsfeier das Internet gelöscht hatte, schmerzlich bewusstgeworden. Und auch der Studentenschaft sollte das bewusst sein, begann er, und kam dann auf das eigentliche Thema der Vorlesung zu sprechen, „Der Verleger als Autor“. „Um die Continuity des Marktes abzusichern, und die Leute mögen Continuity, denken Sie an Hollywood, denken Sie an Kluftinger-Krimis, denken Sie an diese wandlungsvollen Zeiten, in denen man sich nach Verbindlichkeiten sehnt, reicht es oft, um gleichzeitig doch die Newsgeilheit zu befriedigen, aus dem Kommissar eine Kommissarin, aus dem Verbrecher einen moralisch einwandfreien Fanatiker zu machen, aus dem alten, seine Sekretärinnen vergewaltigenden Geschäftsmann einen jungen Geschäftsmann samt Bürokraft mit masochistischer Veranlagung zu machen. Solche Konzepte, fein ausgearbeitet bis hin zum Szenenplan gibt der Verleger dann an junge, talentierte Schreibende weiter, damit die fertigen Manuskripte unter dem Namen namhafter, bereits unter Vertrag genommener Autoren erscheinen können. Haben Sie schon mal eingehend seit der Abschaffung des Bundesausbildungsförderungsgesetzes über Ihre Studienfinanzierung nachgedacht?“, fragte der Professor in den Bildschirm, und zählte die Schmunzler in dem multiple-chat-window. Der einzige, den Mone wahrnahm, der einer ironisch grinsenden Studentin jüngeren Semesters, galt, wie Mone meinte, dem Musikvideo, das sie schaute, Miley Cyrus Katze auf Spotify, das von allen relevanten Feuilletonisten als ihr Come-Back gefeiert wurde. Mone notierte die Inhalte der Videos auf den anderen Laptopbildschirmen und die Zahlen der geöffneten Tabs auf ihrem Stück Papier, dessen Beschriftung sich längst verflüchtigt hatte.

In ihrer zwei Stunden Pause zwischen den Veranstaltungen beantwortete Mone die SMS ihrer kleinen Schwester vom Vortag „Hey Lemon, kannst du wieder ein paar Aufgaben für mich machen?“ Natürlich konnte Mone das. Sie begab sich in die Glasscheune, an deren verscreenten Innenwänden gerade eine Aufzeichnung der Pressekonferenz vom Vorabend lief, ein namhafter Cheflektor eines international tätigen Verlages gab bekannt, dass die Bestseller im Programm nun auch auf Esperanto erscheinen würden. Mone loggte sich mit den Userdaten ihrer kleinen Schwester im Kurs „Milieu und Semiotik“ ein und beantwortete die ersten Multiple-Choice-Fragen und kniffelte etwas an einem Algorithmus. Die fehlenden Codes eines Thesaurus waren dergestalt zu programmieren, dass der Ich-Erzähler eines beliebigen Textes um 20 Prozent sympathischer würde. Als Mone nicht mehr weiterwusste, ließ sie sich Paprika, Tomaten, Kartoffeln, etwas Rind- und Schweinefleisch aus dem Zutatenautomaten herunter, und warf sie in den Snackautomaten, richtete ihre Pupillen auf das Feld für Suppe. Als ihr dann allerdings ein Teller Pasta entgegenkam, nur eben ohne Pasta, zweifelte sie an ihren Augen, umso mehr, als ihr auffiel, dass das Gesicht des Lektors verpixelt war. Als sie an den übrigen Laptopplätzen vorbeiging, schielte sie auf den Laptop einer Studentin, die ein Exposé verfasste.

  1. Ein Student im Masterstudiengang Literarisches Schreiben und Lektorat, der die Idee, Cross-Over-Titel auch in Esperanto zu übersetzen, in sein Google-Chrome-Notizbuch eingesprochen hat, schleudert in einem Anfall von Wut seinen Kaffeebecher gegen den Screen.
  2. Es soll nicht bekannt werden, wer auf eine solche Schnapsidee kommt.

Mone hielt diese Geschichte für recht beliebig und im Vorhinein für zum Scheitern verurteilt, sie widmete sich wieder dem Thesaurus-Kurs, verwandelte, ohne auch nur einen Buchstaben zu verwenden, Brustwarzen in Nippel und Brüste in Titten, und dachte, dass ihre Hilfe gar nicht so uneigennützig war. Sie verfasste ihre Habilschrift in flüchtigen Notizen, gedankenlosestem Kauderwelsch, kurz, dem schnödesten, der ihr gerade einfiel. Am Ende jedoch würde ein Thesaurus darüberlaufen und alles in die erhabensten Hülsen, die die Schatzkammer der elfenbeinernen Siliciumgefilde der Alma Mater bergen mochte.

Leicht verfremdete Kafkazitate, und sich reimende Programmiercodes erschienen an den Blue-Screen-Wänden, frohe Beiträge zur Unterhaltung der Public Viewer in Hildesheim, junger Schreiber, die, wie beschlossen wurde, nicht länger bloß aufgrund des Standortnachteils verzichten sollten auf Debutdeals, die weit entfernt während langweiligen Partys eingefädelt wurden. Mone wandte sich von der Leinwand ab, um nicht gleich ins Suppenkoma zu fallen, und sah sich Holden gegenüber, einem außergewöhnlich produktiven und talentierten Schreiber vierten Semesters. Weltklasse waren seine Algorithmen, er hatte die Eignungsprüfung mit einem Programm gewonnen, das in der Lage war, kurze Sportnachrichten und Drehbücher für Til Schweiger zu scripten. „Lemon“, sagte er, „du musst mir helfen!“ Sie sah ihn zweifelnd an. Er flehte: „Ich habe die Belegexemplare nicht bekommen, weil die noch meine alte Adresse haben. Die Bibliothek hat natürlich welche angekauft. Und ich habe es noch nicht einmal gesehen, geschweige denn in Händen gehalten, bitte!“ Mone unterschrieb ihm die Bibliotheksbenutzungsermächtigung. Sie ermahnte ihn noch kurz, nicht zu rauchen, Bücher seien leicht brennbar und hätten keine Aschenbecherapp, und genoss das Glück in seinen Augen. Holden loggte sich sofort auf Google-Play an und versprach Mone im Gegenzug ein E-Book-Rezensionsexemplar.

Während Mone zum Rönne-Café schlenderte, dem das Enard-Café hatte weichen müssen, dem wiederum das Balzac-Café hatte weichen müssen, nachdem dieses auf den Trümmern des Cafés wiederaufgebaut worden war, das die Studenten eines kaffeelosen Montagmittags angezündet hatten, dachte sie an ihre kleine Schwester. Ausgerechnet ihre Schwester, warum hatte sich ihre kleine Schwester nur in Josef verirrt. „Einen kleinen schwarzen Kaffee bitte!“ Weil sein Nachname mit K begann, bildete er sich ein, der Messias zu sein. Hatte Mones kleine Schwester dazu überredet, sich in die Ameos einweisen zu lassen, nur um dann als Besucher, als neutraler Beobachter diese Körperschaft in Augenschein nehmen zu können. Natürlich war das nur ein Vorwand, und Josef kam jetzt leichter, ihre Schwester, an diverse Medikamente heran. Mone warf einen Blick durch die Glasscheibe in den Hof, wo einer von Josefs Jüngern die obligatorische Diskussion aus dem Zaun brach, er hatte dazu ein kleines Traktat in den ehemaligen Gartenzaun des ersten Cafés geritzt, ob das neue Café nun nach einer gewissen ehemaligen Studentin oder dem Protagonisten einer Benn-Novelle benannt war. Sie schrieben im Hof, jeden Tag eine Tafel, sonntags auch mal zwei, mit Griffeln ritzten sie in die Tontafeln, und scharten sich tunikatragend, voll auf Droge, vom Zaubertrank redend, Wahnsinn im Blick, zivilisations- und fortschrittskritisch, um den Hofcaféhahn. Einer aus dem Zirkel hatte sein abschließendes Pamphlet, sich aus der digitalen Welt zurückzuziehen auf seinem Log-Buch, oder auch Phiblog hochgestellt. So nannten die Philosophiestudenten ihre Netzhefte. In dem nämlichen war Vieles zu lesen gewesen vom Ei, und der Besamung durch den Hahn, und die neuneue Welt, die erst noch schlüpfen musste. Wenigstens schrieben sie noch, dachte Mone, verbrannte sich an ihrem Kaffee die Zunge, und dachte traurig an ihre Schwester, der sämtliche Stifte bei ihrer Einweisung abgenommen wurden, technische Geräte sowieso, nachdem Mones kleine Schwester, unachtsam wie sie war, den Unendlichen Spaß aufgeschlagen am Nachtkästchen in ihrem Zimmerchen in der Psychatrie aufgeschlagen liegen gelassen hatte.

Resigniert ging sie zu dem Kurs, den sie leitete, „cooperative social office“ im Blauen Salon. An allen vier Wänden erschien der eben von Holden getippte Text in Echtzeit, manchmal glaubte Mone sogar, ein Zeichen erscheinen zu sehen, bevor sie das Geräusch der jeweiligen Taste vernahm. Es gab nun einmal Dinge, die schneller waren als Schall. Insofern machte es auch, wollte man in möglichst wenig Zeit möglichst viel vermitteln, für Mone als Dozentin auch keinen Sinn, zu sprechen. Sie kommentierte die Kommentare, mit denen die die Redigierenden, die Studierenden des Masterstudienganges „Literarisches Schreiben und Lektorat“ an Holdens entstehenden Text versahen. Am Ende der Seite begann ein anderer Bachelorstudierender zu schreiben, und nicht nur einmal in der Sitzung beendete Mone einen ihrer Metakommentare mit „………du kannst die Korrektur des dir im Korrigieren Zuvorgekommenen auch entfernen, NACHDEM ich sie kommentiert habe.“ Die im Master Studierenden waren ohnehin viel zu versessen darauf, den Mitredigierenden zu widersprechen, ihre Kommentare zu löschen, oder schlicht mit Videos zu verlinken, die keinen Zweifel am Schätzwert des Intelligenzquotienten ihres Mitstudierenden ließen, als dass sie Mones Kommentare bemerkt hätten. Die Bachelorstudierenden hingegen gingen in dieser Atmosphäre auf, schrieben ihre besten, ihre befreitesten, ungezwungensten Texte überhaupt, im Wissen, dass niemand sie dafür jemals belangen, geschweige denn loben würde. Mones Blick glitt durch das Fenster und traf doch, am anderen Ende des Gartens, in der Ferne, wieder nur Glas. Der Wintergarten, das intellektuelle Treibhaus, Steckdosen und Laptopplätze, wo Erzählungen zufolge früher freier Himmel, ein Garten für Projektsemester, das Paradies war, und bald wasserfeste Laptops stehen würden. Alle paar Tage sprangen die Rauchmelder an, gingen die Sprinkleranlagen los, so sauber war das Glas, das die auf ihre Algorithmen konzentrierten, gedankenverloren eine Zigarette anzündenden Schreibstudenten übersahen. Am Ende die Flut, dachte Mone und verließ den Raum, vergaß, die Türe zu schließen, setzte einen Fuß vor den anderen, bis sie das Klackern der Tastaturen abgehängt hatte. Sie würde die einmal täglich fahrende Magnetschwebebahn genau erwischen, und wenn alles gut lief, würde das neue Umspannwerk demnächst gebaut, und Mone müsste nie wieder busfahren.

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