Access to awesome. 30 Thesen zur Zukunft der Literaturvermittlung

1. Ich stelle mir keine neue Literatur vor. Ich stelle mir eine andere literarische Kommunikation vor.

1.1. Nein: Ich stelle sie mir nicht vor, ich habe sie schon gesehen. Genauer: Wir arbeiten längst daran.

2. Wir reden – aber nur manchmal –, wenn es um den sogenannten Literaturbetrieb geht, genauer noch über Produktion und Vermittlung von Literatur, über Ausbeutungsverhältnisse, über Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen, über Niedergeschlagenheit, über fehlende Resonanz.

3. Wir beschreiben sie nicht.

4. Wir können sie beschreiben. Und sie dann ändern.

5. Die Vermittlung von Literatur ist immer Teil der Literatur.

5.1. Wo sie das nicht ist, findet keine Vermittlung statt.

6. Wenn wir die Prozesse literarischer Kommunikation nicht verändern, verraten wir sie und damit uns selbst.

7. Es geht um Wahrheit. Um Wahrheit und Leidenschaft. Wahr wird die Literatur für jeden von uns nur, wenn sie unser Denken und damit unsere ganze Welt verschiebt.

8. Es geht um etwas Neues. Das ist Wahrheit. Immer wieder.

9. Literatur und damit das Sprechen über Literatur ist eine Lebensform.

10. Das ist Lust und Ausdruck. Begehren. Spaß. Vorläufiges und nichts Endgültiges. Das ist Probieren, Teilen und Weitermachen, nicht Aufhören und Zementieren.

11. Teilen heißt: Verantwortung übernehmen, Geben (ohne Gegenleistung zu erwarten), Öffnen.

12. Das heißt: Hierarchien verändern. Grenzen durchlässig machen. Autor und Leser kommunizieren auf
Augenhöhe. Verlage und Leser kommunizieren überhaupt miteinander. Und zwar in beide Richtungen.

13. Bücher kommunizieren miteinander. Ich schreibe den Code für ein Script, das Bücher miteinander ins
Gespräch bringt. Direkt.

13.1. Einfache Fragen zu Beginn: wer bist Du, wo kommst Du her, was war zuerst, was kommt als nächstes.

13.2. Je nach Art und Umfang der Entgegnung greifen Regeln der Komplexitätssteigerung.

13.3. Es geht um die Texte und es entsteht neuer Text.

14. Wir als Leser und Autoren, der Unterschied wird rasch unwichtig, können das Gespräch verfolgen, beobachten, wir können uns aber auch einmischen. Kommentieren, Kommentare von anderen kommentieren, antworten, fragen, weiterschreiben. Weitermachen.

14.1. Was kommt dabei heraus? Nichts. Alles. In jedem Fall geht es weiter mit dem Prozess literarischer
Kommunikation, mit der Literatur also und ihrer Vermittlung.

15. Weiter: – denn: das gibt es ja durchaus schon – wir gehen gar nicht aus vom fertigen Buch, von der Ware, die neben ihrer Warenförmigkeit auch noch auf irgendeiner gut verpackten und folgenlosen Relevanzebene kommuniziert werden müsste.

16. Sondern: wir fangen schon viel früher an. Die Entstehung literarischer Texte wird immer schon Teil der literarischen Kommunikation.

17. Die Entstehung wird schon Teil der Vermittlungsdramaturgie. Die Veranstaltung hat immer schon längst begonnen. Wir können jederzeit einsteigen. Und sie geht auch noch weiter, nachdem der Hausmeister die Stühle hochgestellt und das Licht ausgemacht hat.

18. Es gibt selbstverständlich bei Veranstaltungen für alle ein offenes Netz. Es gibt 2nd und 3rd Screens.

19. Was dieser Vermittlungsprozess macht – also der, der Screens und Smartphones integriert und adaptiert, auch die Geräte, die irgendwann danach kommen werden, der social reading und writing ermöglicht, der

ein Gespräch eröffnet, der ein gemeinschaftliches und vielleicht sogar kollaboratives Erlebnis schafft – was diesen Vermittlungsprozess ausmacht, könnte man auch Transliterarizität nennen.

20. Wir erweitern die Grenzen. Wir gehen über sie hinaus. Kontinuierlich.

21. Wir inszenieren diese Literatur als Augmented Reality. Wir holen keine Leser mehr irgendwo ab, setzen ihnen keine Moderatoren mehr vor die Nase und aufs Podium, sondern gehen zu ihnen hin.

22. Denn überall gibt es etwas zu sehen und zu hören, vielleicht auch zu riechen, schmecken, fühlen. Das in
Gang zu setzen, ist durch QR-Codes oder Sensoren via Smartphone heute kein Kunststück mehr.

22.1.Wir quantifizieren, tracken, visualisieren die Metadaten zu Grafiken und Karten, mit denen wir uns wiederum orientieren.

23. Distant reading auf der einen, Nähe und Wärme des Live-Erlebnisses auf der anderen Seite: zusammen ergibt das mehr als die Summe der einzelnen Teile.

23.1. (Wir leben von einem Glauben, der unserer Gegenwart vorauseilt).

24. Wir machen die literarische Kommunikation sichtbar und verfügbar, beweglich, anpassungsfähig.

25. Was einst Lesung hieß, messen wir nicht mehr mit Blick auf die große Zahl, sondern denken uns das individueller und emotionaler. Individuell heißt nicht isoliert. Vielmehr geht es um das Finden gemeinsamer Wünsche und um Überraschung.

26. Wir helfen uns gegenseitig beim Lesen und Verstehen

26.1. Besucher von Lesungen u.ä. Veranstaltungen interessieren sich nicht für Apps und Gadgets, für
Interaktivität, Kollaboration, für Kommunikation

26.2. Da kann man sich so sicher sein wie die Leute, die z.B. Anfang der 90er Jahre davon überzeugt waren, dass Menschen nie Texte von Bildschirmen lesen werden.

26.3. Was man nicht für geeignet hält, nicht ausgereift etc., kann man ablehnen – oder eben versuchen, es besser zu machen.

26.4. Warum? Access to Awesome!

26.5. Barrierefreiheit, Verfügbarkeit, Zugang, Teilhabe, Gemeinschaft.

27. Wichtig ist, dass Menschen sich austauschen über den Wert, den ihre (mögliche) Zusammenarbeit hat oder haben könnte (anderes Wort für literarische Kommunikation)

28. Was finden eigentlich die anderen hier im Raum an dem Text interessant? Welchen Satz, welche
Metapher? Und warum? Wie kann ich sie fragen und mit ihnen darüber diskutieren?

28.1. Wie übertragen wir, was bei Reise- und Kochbüchern und der Praxis des Reisens und Kochens schon längst gut funktioniert, auf Gedichte und Romane?

28.2. Aus Moderatoren werden Experten und vielleicht auch wieder Moderatoren, die sich auf Texte und Leser und Autoren einlassen, ohne sich als Tanzbären und Dompteure zugleich produzieren zu müssen.

28.3. Autoren lesen im Buch. Live. Erzählungen entwickeln sich aus der Kommunikation und
Zusammenarbeit der Leser und Nutzer.

29. Bücher sind Orte, wo all das passiert. Wenn Menschen sich zwischen den Zeilen und in den Randspalten treffen. Und umgekehrt.

30. Wir erweitern die Bücher, den Raum – und wir sind die Erweiterungen. Wir sind die Ränder, ohne die nichts ist, was sie umfassen.

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